Maurice Betz als Übersetzer von Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Während seines letzten Paris-Aufenthalts, in den ersten Monaten des Jahres 1925, ging Rainer Maria Rilke jeden Vormittag aus seiner Unterkunft in der Rue de Tournon zur Wohnung seines französischen Übersetzers Maurice Betz in der Rue de Médicis, um dort gemeinsam mit ihm an der Übersetzung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu arbeiten.

Cette visite quotidienne se passait d’habitude à peu près de la manière suivante : je le recevais dans une grande pièce qui ouvre par deux portes-fenêtres sur le balcon de notre cinquième étage. Nous prenions place l’un en face de l’autre, des deux côtés d’une petite table de jeu tendue de drap vert. De l’endroit où nous étions assis, auprès de la fenêtre, nous pouvions voir tous deux les cimes des arbres du Luxembourg, et en nous penchant un peu, la tache lumineuse du bassin, au centre du jardin. Rilke tirait de la petite serviette en cuir marron, qui l’accompagnait toujours, un exemplaire de l’édition allemande des Cahiers, à reliure grise. J’ouvrais le manuscrit de ma traduction à la page où nous nous étions arrêtés la veille. Je lisais à haute voix le texte français. Rilke suivait sur le texte allemand. De temps à autre, il m’interrompait pour faire une remarque, me donner une explication ou me demander de reprendre un passage. (Betz, Rilke vivant 114)[1]

Folgt man dieser Darstellung aus Maurice Betz‘ Erinnerungsbuch Rilke vivant von 1937, entstand durch solch einen engen und produktiven Austausch zwischen Autor und Übersetzer der Text, der die Rilke-Rezeption in Frankreich wesentlich mitbestimmen sollte. Einen ähnlichen Stellenwert für die Verbreitung deutschsprachiger Literatur im Frankreich der Zwischenkriegszeit hatte beispielsweise auch Betz’ Übersetzung des Zauberberg von Thomas Mann (La montagne magique, 1931), die bis vor kurzem die einzige Übertragung dieses Romans ins Französische darstellte.[2] Neben einigen weiteren Texten Rilkes übersetzte Betz Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra (Ainsi parlait Zarathoustra, 1936), einen Teil von Ernst Jüngers Tagebüchern aus den Jahren 1939/40 (Gärten und Straßen; Jardins et routes, 1942) und Romane Vicki Baums, wie zum Beispiel Liebe und Tod auf Bali (Sang et volupté à Bali, 1939). (Vgl. Gay 11)

Aufgrund der beschriebenen Zusammenarbeit mit Rilke an der Malte-Übersetzung galt Betz lange als ‚autorisierter‘ Übersetzer des Romans, nicht zuletzt schrieb er diese Rolle ja auch selbst in diversen Publikationen wie in Rilke vivant so fest. Und wohl auch aufgrund dieser Selbstdarstellung und der Erzählung von der gemeinsamen Arbeit in Betz‘ Wohnung konnte seine Übersetzung in Frankreich so bedeutsam werden.

Betz‘ Rolle wurde im Zuge der herausragenden Neuübersetzung des Malte-Romans durch Claude David und deren Aufnahme in die Pléiade jedoch stark hinterfragt. Nachdrücklich bezweifelt etwa der Herausgeber dieser Pléiade-Ausgabe, Gerald Stieg, dass die eingangs beschriebene Zusammenarbeit so stattgefunden haben kann. Die Übersetzung enthalte zum Teil sinnentstellende Fehler, so Stieg, Rilke könne sie so nicht in Gänze autorisiert haben, höchstens in Teilen. Nachweislich nahm er eine Reihe von Korrekturen in einigen Passagen vor. Diese von Rilke korrigierten und kommentierten Manuskripte vom März 1924 zeugen laut Stieg von Betz‘ Ungenauigkeit oder gar Unkenntnis im Bereich Spezialvokabular. In der Regel folgt Betz dann den Vorschlägen Rilkes. Ob nun später, wie Betz behauptet, noch einmal dieses intensive Durcharbeiten der weiteren Romanteile stattfand oder nicht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. (Vgl. Stieg, Rilkes Kritik)

Zweifelsohne ist es sinnvoll, einen kritischen Blick auf Betz‘ Selbstdarstellung als ‚autorisierter‘ Übersetzer des Malte-Romans zu wahren. Gleichzeitig ist seine genuine Leistung nicht von der Hand zu weisen: Dies zeigt ein differenzierter Blick auf einige Auszüge aus Betz‘ Malte-Übersetzung, die zuvor bereits von André Gide übersetzt und 1911 in der Nouvelle Revue Française veröffentlicht worden waren, sowie auf Korrekturen, die Betz an seiner eigenen Übersetzung vornahm.

Um Betz‘ Motivation, sich den Texten Rilkes zu widmen und die von Stieg erwähnten Übersetzungsprobleme zu verstehen, lohnen zunächst ein paar einleitende Ausführungen zu Betz‘ Vita, denen eine kurze Entstehungsgeschichte seiner Malte-Übersetzung folgen wird, bevor ausgewählte Passagen und ihre Übersetzungsvarianten betrachten werden sollen.

Maurice Betz und die Entstehungsgeschichte seiner Malte-Übersetzung [3]

Maurice Betz wurde am 10. Dezember 1898 im elsässischen Colmar geboren. Die Jahre der Kindheit und Adoleszenz in Colmar werden in Betz’ erstem Roman Rouge et blanc (1923) evoziert. Geprägt waren sie durch den frühen Tod des Vaters und die problematische Situation zwischen zwei Kulturen und Sprachen: In der frankophilen Familie wurde Französisch gesprochen, auf dem Gymnasium exklusiv Deutsch. In der Gemengelage des Ersten Weltkrieges schlug Betz sich rasch auf eine Seite, ohne freilich – auf lange Sicht – den Bezug zur anderen aufzugeben: 1915 emigrierte er begleitet von seiner Mutter in die französischsprachige Schweiz, nach Neuchâtel, beendete dort die schulische Ausbildung und studierte anschließend Lettres. 1917 meldete er sich freiwillig beim französischen Konsulat in Bern zum Militärdienst in der französischen Fremdenlegion und erlebte 1918 die Frontkämpfe an Aisne und Marne. 1918 zog er nach Paris, setzte dort an der Sorbonne sein Literaturstudium fort und studierte außerdem Jura. Nach dem Studienabschluss 1922 war er bis 1925 als Anwalt in Paris tätig. (Vgl. Jaques Betz, Mon cousin 204f.; Gay 12)

Maurice Betz’ eigene literarische Aktivitäten begannen 1921 mit einem Gedichtband (Scaferlati pour troupes), in dem er seine Erfahrungen an der Front literarisch zu gestalten und zu verarbeiten suchte. Mit ihm gelang es Betz, die Aufmerksamkeit von Künstlern und Autoren aus dem Umfeld der Zeitschrift Action[4] wie Florent Fels, André Malraux und André Suarès zu wecken; bald darauf lernte Betz auch Marcel Arland, Jean Cocteau und Raymond Radiguet kennen. (Vgl. RV 31-35; RF 28-32) Von 1924 an arbeitete er mit den Herausgebern der Zeitschrift Les Cahiers du mois[5], den Brüdern André und François Berge, zusammen und übernahm Ende 1925 die Chefredaktion bis zur letzten Ausgabe dieser Zeitschrift Anfang 1927. (Vgl. Jacques Betz, Mon cousin 204f.) Der Verlag, dem Betz nach Rouge et blanc seine Arbeiten zur Publikation anvertraute, waren die Éditions Emile-Paul Frères. (14 rue de l’Abbaye, Saint-Germain-des-Prés, von den Brüdern Robert und Albert Emile-Paul sowie Edmond Jaloux als literarischem Leiter geführt). (Vgl. Berge 207; Gay 12) Weitere zeitgenössische Romanerfolge von Maurice Betz waren L’incertain (1925) und Le rossignol du Japon (1931), der nur knapp die Auszeichnung mit dem Prix Goncourt im gleichen Jahr verfehlte; dieser ging an Betz’ Freund Jean Fayard und dessen Roman Mal d’amour. 1932 endete Betz‘ literarische Produktion, er widmete sich nun vorrangig seinen Übersetzungen sowie Darstellungen über Rilke (Rilke vivant, 1937; Rilke à Paris, 1941[6]), über Deutschland (Portrait de l’Allemagne, 1939) und über seine elsässische Heimat (L’Alsace perdue et retrouvée, 1946).

Mit Jean Fayard reiste Maurice Betz kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Konstanz und Baden- Baden, um dort erste Schritte für eine Wiederaufnahme des deutsch-französischen Dialogs zu unternehmen. Am 29. Oktober 1946, während eines Aufenthalts in Tours, starb Betz an den Folgen eines Herzinfarkts. Seine Witwe Louise Betz regte unter anderem die Verleihung eines Prix Maurice Betz an, der seit 1957 in der Regel jährlich von der Académie d’Alsace an französischsprachige Schriftsteller/innen aus dem Elsass verliehen wird. Maurice Betz‘ Nachlass befindet sich im Archiv der Bibliothèque municipale in Colmar. Man findet dort Briefe Rilkes an Betz, Manuskripte einiger französischer Gedichte Rilkes (vgl. Gueth VI-VIII) sowie die von Gerald Stieg untersuchten, von Rilke annotierten Manuskripte von Betz’ Übersetzung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, das erste Buch der Insel-Bücherei von 1906, war auch das erste Buch Rilkes, das Betz in Neuchâtel las.[7] Es folgte unter anderen das Buch der Bilder, das er 1918 an der Front mit sich führte. (Vgl. RV 9-18, RF 9-17) Der Malte-Roman war der erste Text Rilkes, dessen Übertragung ins Französische Betz unternahm. André Gide hatte bereits 1911 für die Nouvelle Revue Française zwei Passagen des Romans – die Aufzeichnungen 18 und 28 – übersetzt,[8] was Betz inspiriert haben dürfte und ihm von Vorteil sein sollte, als er für sein Übersetzungsprojekt warb. Auch dürfte eine Rolle gespielt haben, dass an Gides Übertragung einiges überarbeitungswürdig erscheinen musste, wie später noch zu sehen sein wird.[9] Florent Fels hatte nach dem Ende der Zeitschrift Action 1922 bei Stock eine literarische Buchreihe mit dem Titel Les Contemporains ins Leben gerufen. Für diese Reihe nun schlug Betz eine Übersetzung der Aufzeichnungen vor und konnte Fels mit Hinweis auf die erste Würdigung des Textes durch Gide überzeugen. (Vgl. RV 37f., RF 34f.) Im Januar 1923 nahm Betz dann erstmals über den Insel-Verlag in Leipzig Kontakt zu Rilke auf, um sich ihm mit seinem eigenen Gedichtband als Autor vorzustellen und ihn in einem weiteren Brief von seinem Übersetzungsplan zu unterrichten. Rilke erteilte Betz sein Einverständnis,[10] parallel hierzu hatte der Verlag Rilkes Erlaubnis eingeholt und so konnte das Projekt konkretere Formen annehmen. Im Juli 1923 wurden schließlich die ersten 23 Aufzeichnungen der Cahiers de Malte Laurids Brigge in Heft 29 der Reihe Les Contemporains veröffentlicht. Die Publikation hatte einen raschen und breiten Erfolg in Frankreich. (Vgl. RV 70, RF 65) In seinem Erinnerungsbuch greift Betz eine Formulierung Rilkes[11] auf und stilisiert die Figur des Malte zum „ambassadeur de Rilke auprès de tous ses lecteurs français“[12] (RV 68). Hierin lässt sich durchaus auch eine Anspielung auf Betz‘ eigenes Selbstverständnis als „Botschafter“ Rilkes in Frankreich erkennen.

Rilke reagierte umgehend nach Erhalt des Bandes am 25. Juli 1923 und zeigte sich bewegt, dass die Aufzeichnungen gewissermaßen an den Ort, an dem sie zu einem großen Teil entstanden waren, zurückkehrten:

J’ai terminé dimanche la lecture de notre petit volume des « Contemporains ». C’était pour moi une émotion indescriptible que de voir ces pages rentrées, en quelque sorte, au lieu de leur origine, identifiées désormais avec les conditions intimes qui les avaient fait naître.[13] (RV 47)

Im gleichen Brief äußerte Rilke den Wunsch, die von Betz bereits projektierte vollständige Veröffentlichung der Cahiers mit zu verfolgen und mit Rat zur Seite zu stehen:

Si maintenant j’ose exprimer le désir de suivre de près la continuation de votre travail, vous ne me soupçonnerez pas de céder à de la méfiance. J’aurais un plaisir sincère à collaborer avec vous par les quelques conseils qui, à un moment donné, pourraient peut-être faciliter et simplifier votre tâche. Disposez donc de moi.[14] (RV 48f.)

Betz nahm die Arbeit an der Malte-Übersetzung im Februar/März 1924 wieder auf und sandte Rilke die erwähnten Manuskripte, die Rilke überarbeitet zurücksandte und die Stieg später untersuchen sollte. Ende August 1924 kündigte dieser bereits eine mögliche Parisreise an (vgl. RV 87, RF 80), die er im Januar 1925 dann realisierte. Bei ihrer ersten persönlichen Begegnung interessierte Rilke offenbar insbesondere Betz’ zweisprachige Sozialisation:

Il s’intéressait particulièrement au fait que mon origine alsacienne m’eût maintenu pendant toute ma jeunesse comme en suspens entre deux langues, parlant l’une, écrivant mes premiers vers dans l’autre, attiré tour à tour par les deux pôles. Comment cette formation bilingue avait- elle pu faire de moi un écrivain de langue française ? Quelles difficultés avais-je rencontrées ? Quelle place occupaient dans mon esprit l’une et l’autre des deux langues ?[15] (RV 95)

Es ist denkbar, das Rilke hier Analogien zu seinem eigenen Verhältnis zur deutschen und zur französischer Sprache gesucht haben könnte: Die Schwierigkeiten, die das eigene Schreiben von Gedichten in französischen Sprache bereitet haben könnte; das eigene ambivalente Verhältnis zur deutschen Sprache als der bevorzugten Sprache seiner Dichtung, die er jedoch in starkem Gegensatz zu dem geläufig gesprochenen und geschriebenem Deutsch empfand. (Vgl. Stieg, Rilke in Frankreich 15) Betz seinerseits gibt indes seine Antworten auf Rilkes Fragen nicht wieder und erklärt letztere dem Leser als Ausdruck von Rilkes Sorge um die zwei Söhne der Freundin Baladine Klossowska, die sich in einer ähnlichen Sprachproblematik befanden wie Betz in seiner Jugend. (Vgl. RV 95f., RF 87f.) Unter dem Blickwinkel von Gerald Stiegs Kritik an den Darstellungen in Betz‘ Rilke-Erinnerungsbuch lesen sich die wiedergegebenen Fragen aber auch wie ein Versuch Rilkes, die Übersetzungsprobleme, die Betz offenkundig hatte, zu verstehen. Auf Rilkes Vorschlag hin soll es dann zu den bereits erwähnten Zusammenkünften in Betz’ Wohnung zur Überarbeitung der Malte-Übersetzung gekommen sein.

Der Abschluss der Übersetzung wurde am 23. Juni 1925 bei einem gemeinsamen Abendessen von Maurice Betz, seiner Frau Louise, Rilke und Baladine Klossowska begangen. Wenig später wurde bei Emile-Paul Frères mit Edmond Jaloux der Vertrag unterzeichnet. (Vgl. RV 208-213, RF 202-206) Rilkes Abreise im August kam für alle, mit denen er in Paris in Kontakt stand, plötzlich und überraschend. Betz und Rilke sollten sich nach diesem Sommer in Paris nicht wiedersehen. Die Publikation der Malte-Übersetzung verzögerte sich indes noch um einige Monate. Im Frühjahr 1926 meldete Betz Rilke den Abschluss der Druckfahnen-Korrektur und erbat von ihm Hinweise über mögliche Beiträger für ein Rilke-Heft der Cahiers du mois, das Betz in dieser Zeit zusammenstellte und in dem er zahlreiche Beiträge von Autoren und Kritikern des In- und Auslandes, darunter Paul Valéry, Félix Bertaux und Paul Zech, versammelte. (Vgl. RV 227, RF 234) Im Juli 1926 erschienen fast zeitgleich dieses Themenheft mit dem Titel Reconnaissance à Rilke (vgl. RV 240, RF 248) und die erste vollständige französische Übersetzung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

Analysen und Vergleiche

Im Folgenden sollen nun die Übersetzungsvarianten ausgewählter Passagen vorgestellt und diskutiert werden: Es handelt sich zum einen um Teile der Aufzeichnung Nr. 18, die vor Betz schon von Gide übersetzt worden war und die Betz teils signifikant anders übersetzte, sowie um einen Auszug aus der Aufzeichnung Nr. 22, die Gide nicht übersetzt hatte, bei der Betz allerdings seine eigene erste Übersetzung wesentlich veränderte. Beide Passagen reflektieren typische Fragen des Erzählens in der literarischen Moderne und stellten so die Übersetzer vor die besondere Herausforderung, Reflexionen über Möglichkeiten und Grenzen der erzählerischen Wiedergabe von Wahrgenommenem beziehungsweise der sprachlichen Darstellbarkeit von Wirklichkeit adäquat zu übertragen.

In der 18. Aufzeichnung wird erzählt, wie Malte in seiner Stube gedanklich versucht, Ordnung in das zuvor draußen in der Stadt Erlebte und Wahrgenommene zu bringen: Seine Begegnung mit einem Mann in einer Cremerie, die wie eine Begegnung mit einem Alter Ego wirkt, hatte zu einer panischen Flucht durch eine Menschenmenge geführt. Es ist zu betonen, dass Malte – als Figur und Erzähler – versucht,das Erlebte zu ordnen; es gilt für ihn, den Wahn in Worte zu fassen und das dem Bewusstsein kaum Zugängliche für sich – und implizit auch für den Leser[16] – verstehbar zu machen.

Zunächst versucht Malte sprechend, die Ereignisse für ungeschehen zu erklären: „Es ist gut, es laut zu sagen: ‚Es ist nichts geschehen.‘ Noch einmal: ‚Es ist nichts geschehen.‘“ (Rilke, Die Aufzeichnungen 747) Durch die anschließende Frage „Hilft es?“ (ebd.) wird diese Form des Umgangs mit dem Erlebten in Zweifel gezogen. Interessant an den Übersetzungen dieser Stelle ist, dass Gide dieses Zweifeln gleich zu Beginn der Passage in Maltes Gedankenrede integriert, indem er eine hypothetische Konstruktion mit einem conditionnel wählt: „Et quand je le dirais bien haut : il n’est rien arrivé. Et que je le répéterais : Il n’est rien arrivé. En quoi cela m’avancera-t-il ?“ (AG 51) Betz verwendet seinerseits zwar zunächst originalgetreu einen Indikativ – „C’est bon de dire à haute voix : ‚Il n’est rien arrivé.‘“ –, bevor er dann doch in dieselbe hypothetische Konstruktion wechselt wie Gide: „Mais quand même je le dirais, et quand je le répéterais : ‚Il n’est rien arrivé.‘, à quoi cela m’avancerait-il ?“ (MB I 74, MB II 61) Die Übersetzung erfolgt bei Gide gewissermaßen vom Ergebnis her: Der Zweifel, den Rilkes Malte erst im dritten Schritt äußert („Hilft es?“) und den auch der deutsche Leser erst da klar erkennt, wird dem französischen Leser bei Gide sofort, bei Betz bereits im zweiten Schritt deutlich gemacht. Betz scheint den Unterschied erfasst zu haben und korrigiert den ersten Satz, greift dann aber auf Gides Modell zurück. Allein Claude David verändert den Modus von Maltes Gedankenrede nicht: „Il est bon de dire à haute voix : ‚Il ne s’est rien passé.‘ Et de répéter : ‚Il ne s’est bien passé.‘ Mais est-ce suffisant ?“ (CD 58)

Die mündliche sprachliche Äußerung, das Sprechen als Mittel der Selbstvergewisserung und ‑beruhigung erscheint für Malte nicht mehr hilfreich, jedoch verschafft ihm auch das Aufschreiben keine Linderung, es droht eine wiederholte Spaltung und Ich-Auflösung, wie Malte sie bei der Begegnung mit dem Mann in der Cremerie erfuhr:

Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben heißen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. […] diesmal werde ich geschrieben werden. Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird. […] ich bin gefallen und kann mich nicht mehr aufheben, weil ich zerbrochen bin.[17] (Rilke, Die Aufzeichnungen 756)

Dieser Bruch kann nicht durch Sprechen oder Schreiben, nicht durch die Sprache aufgehoben werden. Maltes Not weitet sich auf alle Erlebensbereiche aus. Als letzten Ausweg wird er schließlich auf Knien einen Teil aus Baudelaires Prosagedicht À une heure du matin abschreiben. An diesen Worten versucht sich Malte seelisch wieder aufzurichten, da sie ihm wie die eines Gebets dauerhafter gültig scheinen; die gleiche Funktion erfüllen offenbar die darauf folgenden Zitate aus dem Buch Hiob. Die Passage ist übrigens biographisch inspiriert, wovon ein Brief Rilkes an Lou Andreas-Salomé vom Juli 1903 zeugt. (Vgl. Lauterbach 77) Auf die Bedeutung Baudelaires wird später noch einmal zurückzukommen sein.

          Vor dem Hintergrund dieser eindrucksvollen Darstellung und Verknüpfung der Moderne-Topoi Sprachkrise und drohender Ich-Verlust lohnt es sich nun, eine Beschreibung  näher zu analysieren, die die Sprachkrise des modernen Subjekts noch einmal deutlich auch als Krise erzählerischer Darstellungsmodi begreifen lässt. Auch wenn Gide diesem Thema mindestens ebenso sensibel gegenüberstand wie Rilke, modifiziert er in seiner Übersetzung Details, die in diesem Zusammenhang wesentlich sind, während Betz hier schon in seiner ersten, noch von Rilke unabhängigen Übersetzung, und womöglich geschult an Mängeln der Gide’schen Version, mehr Vorlagentreue beweist.

Irgendwo habe ich einen Mann gesehen, der einen Gemüsewagen vor sich herschob. Er schrie: Chou-fleur, Chou-fleur, das fleur mit eigentümlich trübem eu. Neben ihm ging eine eckige, häßliche Frau, die ihn von Zeit zu Zeit anstieß. Und wenn sie ihn anstieß, so schrie er. Manchmal schrie er auch von selbst, aber dann war es umsonst gewesen, und er mußte gleich darauf wieder schreien, weil man vor einem Hause war, welches kaufte. Habe ich schon gesagt, daß er blind war? Nein? Also er war blind. Er war blind und schrie. Ich fälsche, wenn ich das sage, ich unterschlage den Wagen, den er schob, ich tue, als hätte ich nicht bemerkt, daß er Blumenkohl ausrief. Aber ist das wesentlich? Und wenn es auch wesentlich wäre, kommt es nicht darauf an, was die ganze Sache für mich gewesen ist? Ich habe einen alten Mann gesehen, der blind war und schrie. Das habe ich gesehen. Gesehen. (Rilke, Die Aufzeichnungen 748)

Die Reihenfolge, in der das Wahrgenommene in den ersten fünf Sätzen wiedergegeben wird, wird anschließend noch einmal reflektiert und verändert, was Malte selbst als „fälschen“ bezeichnet: „Er war blind und schrie.“ Das Wahrgenommene wird so auch reduziert und Kontextinformationen zum Verständnis der Situation werden weggelassen, wodurch Malte ihre Bedeutung in Frage stellt: „Ist das wesentlich?“ Was wesentlich ist, wird dann definiert als das, was er gesehen habe: „Kommt es nicht darauf an, was die ganze Sache für mich gewesen ist? Ich habe einen alten Mann gesehen, der blind war und schrie. Das habe ich gesehen. Gesehen.“ Entscheidend ist also für Malte das innere Bild dessen, was von ihm wahrgenommen, also nach seiner Definition gesehen wird. Erkennbar wird hier ein Gegensatz zwischen einer individuellen, subjektiven Form der Wahrnehmung bzw. Darstellung und einer, die konventioneller, objektiver erscheint. Indem Malte nun die Varianten der Informationsanordnung auf der Suche nach der adäquaten Darstellung seiner subjektiven Wahrnehmung reflektiert, wird er als Erzähler für den Leser wiederum unzuverlässig. Sprachkrise und Krise des Erzählens werden so unmittelbar transportiert, sie werden zu einer Krise des Verstehens.

Werfen wir nun einen Blick auf Gides Übertragung:

Je ne sais où j’ai rencontré un homme qui poussait devant lui une charrette à bras. Il criait : Chou-fleur. Chou-fleur – le fleur avec un eu bizarrement trouble. A côté de lui marchait une anguleuse femme qui, de temps en temps, le poussait. Et quand elle le poussait il jetait son cri. Parfois aussi il criait de lui-même, mais alors c’était hors de propos, et aussitôt il lui fallait crier à nouveau, parce qu’on passait devant la maison d’un client. Ai-je dit que cet homme était aveugle ? Non ? Eh bien il était aveugle. Il était aveugle et il criait. J’arrange en disant cela ; j’escamote la charrette qu’il pousse ; je feins de n’avoir pas remarqué qu’il criait des choux-fleurs. Mais cela est-il bien essentiel ? Et quand cela serait essentiel, que m’importe à moi ? J’ai vu un vieux homme qui était aveugle et qui criait. Voilà ce que j’ai vu. Vu. (AG 51f.)

Sie nimmt sich einiger Details nicht an, die für die Darstellung der Wirklichkeitswahrnehmung in dieser Passage nicht ganz unwesentlich sind. Die Information, dass in der „charette à bras“ Gemüse liegt, muss daraus geschlossen werden, dass der Mann „chou-fleur“ ruft. Die explizite Qualifizierung seiner Begleiterin als „häßlich“ unterschlägt Gide. Die metonymisch-personifizierende Beschreibung „vor einem Hause […], welches kaufte“ wird bei Gide aufgelöst und entbildlichend mit „maison d’un client“ übertragen. Schließlich wird die Wendung „[K]ommt es nicht darauf an, was die ganze Sache für mich gewesen ist?“ verkürzt und durch die idiomatische Formel „Que m’importe, à moi ?“ wiedergegeben, wodurch der Gehalt der Aussage reduziert und die Idee der subjektiven Wahrnehmung mittels eines inneren Bildes weniger deutlich vermittelt wird.

Betz nun ergänzt in seinen beiden (identischen) Übersetzungen die von Gide weggelassenen Informationen zum Handwagen („une charette pleine de légumes“) und zur Begleiterin des Mannes („une laide et anguleuse femme“):

Je ne sais où j’ai rencontré un homme qui poussait devant lui une charrette pleine de légumes. Il criait : « Chou-fleur, Chou-fleur », le fleur avec un eu bizarrement trouble. À côté de lui marchait une laide et anguleuse femme qui, de temps en temps, le poussait. Et quand elle le poussait, il criait. Quelquefois aussi il criait de lui-même, mais alors son cri avait été inutile, et aussitôt il lui fallait crier à nouveau parce qu’on passait devant la maison d’un client. Ai-je dit que cet homme était aveugle ? Non ? Eh bien, il était aveugle. Il était aveugle et il criait. J’arrange en disant cela ; j’escamote la charrette qu’il poussait ; je feins de n’avoir pas remarqué qu’il criait des choux-fleurs. Mais est-ce bien essentiel ? Et quand cela serait essentiel, n’importe-t-il pas davantage de savoir ce que j’ai vu, moi ? J’ai vu un vieil homme qui était aveugle et qui criait. Voilà ce que j’ai vu. Vu.[18] (MB I 75f., MB II 62)

Er findet darüber hinaus einen Weg, die durchaus wesentliche Aussage, es komme darauf an, was für Malte wesentlich gewesen sei, enger am Original zu übertragen: „Et quand cela serait essentiel, n’importe-t-il pas davantage de savoir ce que j’ai vu, moi.“[19] Hierbei wird interessanterweise „gewesen“ mit „vu“ übersetzt, was der bereits erwähnten semantischen Nähe von „gewesen“ und „gesehen“ entspricht und an das neue „Schauen“ denken lässt, von dem Rilke in der Zeit ab 1904 häufig schreibt, wie in einem Brief an Lou Andréas Salomé vom 15. April 1904. Es zeige sich, so Rilke zu einem Zeitpunkt, da er die Arbeit am Malte gerade begonnen hatte, dass seine „Arbeitsweise“ ebenso wie sein „Schauen“ sich geändert hätten, es sei „viel aufnehmender[]“. (Zitiert nach Martens 59f.) In diesem Zusammenhang lässt sich noch eine andere Äußerung im Malte-Roman (4. Aufzeichnung) heranziehen, die auch textimmanent die Übersetzung von „gewesen“ durch „vu“ rechtfertigt und die besprochene Passage gleichsam kommentiert: „Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein […]. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wußte. Alles geht jetzt dorthin.“ [20] (Rilke, Die Aufzeichnungen 710f.)

Betz hält sich also genauer als Gide an die Abfolge der Darstellungsweisen des Gesehenen: zunächst objektiv-konventionell in der durch Kontextinformationen logisch nachvollziehbaren Anordnung, dann subjektiv-individuell in der ‚gefälschten‘ Anordnung. Für die Kontrastierung dieser unterschiedlichen Seh- und Darstellungsweisen ist das zentral. Bei Gides Übersetzung hat man wie bei der ersten besprochenen Passage den Eindruck, sie modifiziere den Text gleichsam vom Ergebnis her, das heißt, dass er den ersten, objektiven Teil der Beschreibung an die subjektive Sichtweise Maltes anpasst. Denn Gide lässt Elemente weg, die Malte erst im Verlauf seiner Reflexionen als für ihn unwichtig deklariert, zum Beispiel das Gemüse im Wagen und die Häßlichkeit der Frau. Der Kontrast zwischen den beiden Wahrnehmungs- und Darstellungsweisen aus dem Original wird so bei Gide verwässert. Betz‘ Verdienst ist es nun, diesen Kontrast in seiner Übertragung deutlicher zu erhalten. So gelingt es ihm in diesem wie auch teilweise im ersten besprochenen Passus, dem Leser Maltes Reflexionen in ihrer Prozesshaftigkeitund auch Unabgeschlossenheit erfahrbar zu machen, wohingegen Gide dazu tendiert, manche Passagen frühzeitig einem späteren Stadium des Reflexionsprozesses der Malte-Figur ästhetisch anzugleichen. Das Unsichere und Suchende dieser modernen Erzähler-Figur kommt so, durch die Kontrastierung mit dem konventionell-objektiven Schauen und Darstellen, bei Betz deutlicher zur Geltung.

          Die Frage nach der Darstellbarkeit von Groteskem, Häßlichem und Abstoßendem ist eine weitere zentrale Frage modernen Erzählens und lässt eine Passage aus der Aufzeichnung 22 in den Fokus rücken, einen Brief, in dem Malte auf Baudelaire rekurriert, in dessen Gedicht Une charogne er eine Antwort auf diese Frage sucht.

Erinnerst du dich an Baudelaires unglaubliches Gedicht ‚Une Charogne‘? Es kann sein, daß ich es jetzt verstehe. Abgesehen von der letzten Strophe war er im Recht. Was sollte er tun, da ihm das widerfuhr? Es war seine Aufgabe, in diesem Schrecklichen, scheinbar nur Widerwärtigen das Seiende zu sehen, das unter allem Seienden gilt. Auswahl und Ablehnung giebt es nicht. (Rilke, Die Aufzeichnungen 775)

Entsprechend seiner nicht-konventionellen Welt-Sicht ist für Malte das „Widerwärtige“ in Anlehnung an Baudelaire eben nur scheinbar widerwärtig und in jedem Falle darstellungswürdig, da er darin das sieht, was „unter allem Seienden gilt“. Der hier formulierte Gültigkeitsanspruch geht über das Individuelle hinaus, der Ich-Erzähler Malte, der sich hier in einem Brief an eine vertraute Person wendet, erlangt an dieser Stelle eine gewisse Urteilssicherheit und setzt sich mit der Aussage „Auswahl und Ablehnung gibt es nicht.“[21] von moralgeleiteten Konventionen des Darstellbaren und des Nicht-Darstellbaren ab.

Rilke lässt seine Figur hier Überlegungen zu seiner Poetik des sachlichen Sagens bzw. der so genannten harten Sachlichkeit äußern. Dieser autobiographische Bezug wird daran erkennbar, dass die fragliche Passage eine abgewandelte Version von Ausführungen Rilkes gegenüber seiner Frau Clara vom Oktober 1907 darstellt. (Vgl. Lauterbach 78) Diese Reflexionen zur Ästhetik beruhen zum einen auf Rilkes Auseinandersetzung mit der Malerei Cézannes, zum anderen auf der Beschäftigung mit Baudelaire. Wie Lauterbach zeigt, interpretiert Rilke diesen im Hinblick auf die lebensphilosophisch-vitalistisch inspirierte Idee, der Künstler müsse aufgrund einer uneingeschränkten „Zustimmung zum Da-Sein“[22] alles, auch Schreckliches, darstellen, zu einem „Dasein-Aussagenden“[23] machen. Letztlich handelt es sich bei dieser Baudelaire-Interpretation aber um ein produktives Missverständnis, dessen Kern eine sehr individuelle und identifikatorische Rezeption darstellt, die Baudelaires eigener Haltung allerdings nicht gerecht wird. (Vgl. Lauterbach 77f.)

Die Passage ist nicht unter den von Gide übersetzten, sie ist aus übersetzungskritischer Perspektive aber deshalb interessant, da es zwischen den beiden Varianten, die Betz veröffentlichte, deutliche Unterschiede gibt. Betz‘ erste Übertragung ist, besonders im kursiv markierten Passus, reichlich sinnverändernd:

Te rappelles-tu le poème inouï de Baudelaire : « Une charogne » ? Il se peut que je le comprenne à présent. La dernière strophe exceptée, il était dans son droit. Que devait-il faire après une telle expérience ? C’était son devoir d’être parmi ces choses terribles, parmi ces choses qui semblent n’être que repoussantes, celui qui est, celui qui est sous toutes les choses. Le choix ni le refus ne sont permis.(MB I 117)

Das größte Problem ist hier die Übersetzung von „sehen“ durch „être“. Diese beiden Verben sind hier keinesfalls als Synonym zu sehen wie in der zuvor besprochenen Passage („was es für mich gewesen ist“ – „ce que j’ai vu, moi“). Betz könnte die Passage missdeutet haben aufgrund der Bedeutung, die Baudelaire für Malte offenkundig hat. Hierfür würde auch die Wahl des Demonstrativpronomens „celui“ statt „ce“ sprechen, das in Kongruenz zur Wahl des Verbs steht. Doch dürfte Betz aufgefallen sein, dass Maltes Aussagen über Baudelaire nicht nur Bewunderung, sondern auch Abgrenzung enthalten: Die letzte Strophe von Une Charogne, in der die vormalige Schönheit des Betrachtungsobjektes gepriesen wird, schließt Malte ja explizit von seinem Lob aus, da ihm diese Huldigung wohl wie eine Reminiszenz an das konventionelle, von einem klassischen Schönheitsideal geprägte Darstellen erscheinen muss.

Im Wesentlichen geht es in dieser Passage jedenfalls um das für die Malte-Figur wie für Rilke so wichtige Sehen, den individuellen und nicht konventionellen Zugang zur Wirklichkeit, sowie um das sachliche Sagen, das das Gesehene – ganz gleich, um was es sich handelt – zu einem allgemein Gültigeren transformiert. Diese ethisch-ästhetische Dimension bildet Betz‘ erste Übersetzung nicht deutlich genug ab. In der Übersetzung von 1926 nimmt Betz dann an den kritischen Stellen die notwendigen Verbesserungen vor:

Il lui incombait de voir parmi ces choses terribles qui semblent n’être que repoussantes, ce qui est, ce qui seul compte parmi tout ce qui est.Ni choix ni refus ne sont permis.[24] (MB II 104)

Schluss

Maurice Betz‘ Übersetzung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge ist für sich betrachtet wie auch im Vergleich zu Gides Übersetzung ein wichtiges Zeugnis der Rilke-Rezeption in den 1920er Jahren. Es ist deutlich geworden, dass Betz Änderungen gegenüber Gides bzw. der eigenen Vorlage vornahm, die, was die besprochenen Passagen betrifft, jeweils eine qualitative Verbesserung bedeuteten. Insbesondere überträgt Betz diese zentralen Passagen, in denen die moderne Frage nach dem verhandelt wird, was Wirklichkeit sei und wie diese sprachlich dargestellt werden könne, näher am Original als Gide und macht dabei Maltes Reflexionsprozess als Figur und Erzähler unmittelbarer nachvollziehbar. Dies unterstreicht einmal mehr die Bedeutung der Betz’schen Malte-Übersetzung als Ausgangspunkt der späteren Rilke-Rezeption in Frankreich, sie ebnete so nicht zuletzt auch den Weg für die heutige Referenzübersetzung von Claude David.

Literatur

Berge, André. Réminiscences. Souvenirs de ma première vie. Paris: Emile-Paul Frères, 1975.

Betz, Jacques. „Mon cousin Maurice Betz. Homme de lettres.“ Saisons d’Alsace. Nouvelle Série. Nr. 14. 10 (1965): 203- 232.

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Gay, Jean-Jacques. „Maurice Betz. Un traducteur célèbre dans l’entre-deux-guerres.“ Parallèles. 12 (Hiver 1990-1991): 11-35.

Gueth, Francis. „L’histoire du Carnet de poche.“ Rainer Maria Rilke. D’un carnet de poche. Fac-similé. Illkirch: Le Verger Éditeur, 2003. I-IX.

Lauterbach, Dorothea. „Kulturräume und Literaturen: Frankreich.“ Rilke Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2013. 60-88.

Martens, Gunter / Post-Martens, Annemarie. Rainer Maria Rilke. Reinbek: Rowohlt, 2008.

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Stieg, Gerald. „Rilke in Frankreich.“ Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv. 17 (1998): 9-20.

Stieg, Gerald. „Rilkes Kritik an Maurice Betz‘ Übersetzung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.“ Blätter der Rilke-Gesellschaft. 30 (2010): 91-104.

Winter, Ralph. „Malte, ‚mon ambassadeur auprès de vous‘. Maurice Betz und Rainer Maria Rilke.“ Blätter der Rilke-Gesellschaft. 30 (2010): 105-112.


[1] Dt.: „Dieser tägliche Besuch spielte sich etwa in der folgenden Art ab: ich empfing ihn in dem großen Zimmer, aus dem zwei Glastüren auf den Balkon unseres fünften Stockwerks führen. Wir setzten uns einander gegenüber an die Enden eines kleinen, grün überzogenen Spieltisches. Von dem Ort, an dem wir saßen, konnten wir beide durchs Fenster die Baumwipfel des Luxembourg und – wenn wir uns ein wenig vorbeugten – den Lichtfleck des Bassins inmitten des Gartens sehen. Rilke zog aus seiner kleinen Aktentasche aus kastanienbraunem Leder, die er immer bei sich hatte, ein hellgrau eingebundenes Exemplar der deutschen Ausgabe der Aufzeichnungen hervor. Ich öffnete meine Übersetzung an der Stelle, bei der wir am Vortage stehen geblieben waren und las die französische Fassung laut vor, Rilke verfolgte den deutschen Text. Von Zeit zu Zeit unterbrach er mich und machte eine Bemerkung, erläuterte etwas oder bat mich, eine Stelle zu wiederholen.“ (Betz, Rilke in Frankreich 104f.).

Im Folgenden werden die Verweise auf diese zwei Bücher im Fließtext mit den Siglen RV (Rilke vivant) für das französische Original und RF (Rilke in Frankreich) für die deutsche Übersetzung abgekürzt.

[2] Die Neuübersetzung von Claire de Oliveira erschien Ende 2016 bei Fayard.

[3] Die Ausführungen dieses ersten Unterkapitels sind aus einer früheren Publikation von mir übernommen worden: Winter, Ralph: „Malte, ‚mon ambassadeur auprès de vous‘. Maurice Betz und Rainer Maria Rilke.“ Blätter der Rilke-Gesellschaft. 30 (2010): 105-112.

[4] Action: cahiers de philosophie et d’art. Directeur-gérant Florent Fels. Paris: 1920-1922. Das Blatt stand nicht, wie der Titel vermuten lassen könnte, in Verbindung mit der national-royalistischen Bewegung der Action française um Charles Maurras.

[5] Les Cahiers du mois. Paris: Emile-Paul Frères, 1924-1927.

[6] Es handelt sich um eine Darstellung der Genese der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zwischen 1904 und 1910.

[7] Etwa 25 Jahre nach seiner Entdeckung veröffentlichte Betz dann die Übersetzung seinesersten Rilke-Buches Chant de l’amour et de la mort du cornette Christoph Rilke bei Emile-Paul Frères (1940).

[8] Wenige Jahre später übersetzte Rilke wiederum Gides Erzählung Le retour de l’enfant prodigue (1907) unter dem Titel Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1914).

[9] An dieser Stelle sei bemerkt, dass Rilke selbst die Übersetzung der beiden Passagen durch Gide insgesamt als äußerst gelungen erachtete, wie er in einem Brief an die Gräfin Sizzo vom 15. Dezember 1921 schrieb: „Hier war wirklich ein Äußerstes erreicht; […].“ (Rilke, Briefe an Gräfin Sizzo 11)

[10] „Vraiment, vous voulez vous vouer à cette traduction et faire entrer un fragment des ‚Cahiers de Malte Laurids Brigge‘ dans cette intéressante collection des ‚Contemporains‘ ? Mais j’en suis charmé! Ne sachant rien encore de vos aimables intentions, je vous ai dit, dans ma première lettre, la sympathie que je porte à votre livre ; inutile donc d’insister pour vous assurer que c’est d’une confiance parfaite que j’accède à votre laborieux projet.“ (Zitiert nach RV 44); Dt.: „Wollen Sie wirklich ein Bruchstück aus den ‚Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge’ in diese interessante Sammlung ‚Contemporains’ aufnehmen und sich mit der Übersetzung befassen? Ich bin darüber hoch erfreut! Als ich noch nichts von Ihren freundlichen Absichten wußte, habe ich Ihnen in meinem ersten Brief von der Zuneigung gesprochen, die ich für Ihr Buch empfinde; ich habe es daher nicht nötig, Ihnen eindringlicher zu versichern, daß ich Ihrem schwierigen Vorhaben vollkommenes Vertrauen entgegenbringe.“ (RF 40)

[11] Rilke hatte die Figur des Malte Betz gegenüber in einem Brief zuvor als „mon ambassadeur auprès de vous“, „meinen Gesandten bei Ihnen“ bezeichnet. (RV 68, RF 63)

[12] Dt.: „der Gesandte Rilkes bei allen seinen französischen Lesern“ (RF 63)

[13] Den hier zitierten Brief gibt Betz so in seinem Erinnerungsbuch wieder. Dt.: „Sonntags habe ich die Lektüre unseres kleines Bandes der ‚Contemporains’ beendet. Es war für mich eine unbeschreibliche Erschütterung, diese Blätter gewissermaßen an den Ort ihrer Entstehung zurückgekehrt zu sehen, von jetzt an mit den inneren Bedingungen in eins gesetzt, die sie hervorgebracht hatten.“ (RF 43)

[14] Dt.: „Wenn ich jetzt den Wunsch auszusprechen wage, den weiteren Verlauf Ihrer Arbeit näher zu verfolgen, so dürfen Sie mich nicht des Mißtrauens verdächtigen. Es würde mir eine aufrichtige Freude bereiten, Sie durch einige Ratschläge zu unterstützen, die zu gegebener Zeit Ihre Aufgabe erleichtern und vereinfachen könnten. Verfügen Sie also über mich!“ (RF 44)

[15] Dt.: „Er interessierte sich ganz besonders für die Tatsache, daß meine Elsässer Abstammung mich meine ganze Jugend hindurch wie schwebend zwischen zwei Sprachen gehalten hatte: während ich die eine sprach, schrieb ich in der anderen meine ersten Verse und wurde nach und nach von beiden Polen angezogen. Wie diese Zwei­sprachigkeit aus mir einen Schriftsteller französischer Sprache hatte machen können? Welchen Schwierigkeiten ich begegnet war? Welchen Platz in meinem Geist die eine und die andere Sprache einnahmen?“ (RF 87)

[16] Es wird an dieser Stelle und im Folgenden das generische Maskulinum gebraucht, gemeint ist das Konzept Leser, das im Konkreten sowohl Leser als auch Leserinnen einschließt.

[17] Frz.: „Je puis, un moment encore, écrire et dire tout cela. Mais il viendra un jour où ma main se sera éloignée de moi et, quand je lui ordonnerai d’écrire, elle écrira des mots que je n’aurai pas pensés. […] cette fois, c’est moi qui serai écrit. Je suis l’impression qui va se changer. […] je suis tombé, et je ne peux pas me relever, parce que je suis brisé.“ (CD 66)

[18] Ob diese Übersetzung womöglich von Rilke bereits so autorisiert wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen; das Übersetzungsmanuskript von Betz, das Rilke nachweislich bearbeitete, beginnt mit der Aufzeichnung 24, dem so genannten Beethovenkapitel. (Vgl. Stieg, Rilkes Kritik 94f.) Allerdings kannteRilke mit Sicherheit die erste Version der Übersetzung mit den Aufzeichnungen 1 bis 23 von 1923.

[19] C. David übersetzt noch näher am Original mit „être“: „Mais cela compte-t-il vraiment ? Et si cela comptait, l’important n’était-il pas ce que tout cela a été pour moi ?“ (CD 59)

[20] Frz.: „J’apprends à voir. Je ne sais pas à quoi cela tient, mais tout pénètre plus profondément en moi […]. J’ai un intérieur que j’ignorais. Tout y entre désormais.“ (CD 23) 

[21] Illustriert wird diese dann am Beispiel von Flauberts Saint-Julien-l’Hospitalier: Im positiven Sinne entscheidend ist aus Maltes Sicht, wenn jemand es vermag, sich wie dieser Heilige zu einem Aussätzigen zu legen und ihm „Herzwärme“ zu geben. (Vgl. Rilke, Die Aufzeichnungen 775)

[22] Brief Rilkes an R. Bodländer vom 13.3.1922. Zitiert nach Lauterbach 78.

[23] Brief Rilkes an Baron Uexküll vom 19.8.1909. Zitiert nach Lauterbach 78.

[24] Claude David übersetzt hier wie folgt: „Il avait le devoir, devant cette image terrible et en apparence seulement repoussante, de voir la réalité profonde, celle qui est derrière tout le réel. Il ne peut exister ni choix ni refus.“ (CD 84)