« Über den Granit » übersetzen //

aus dem Französischen von Sabine Mehnert

Der Text, den wir hier vorstellen und dessen Übersetzung wir uns zur Aufgabe gemacht haben, ist unvollendet. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Entwurf für ein Werk, das Goethe letztendlich nicht geschrieben hat. Der Stil wirkt noch unsicher in Bezug auf den richtigen Ton, springt ohne Übergang von wissenschaftlicher Objektivität zum größten Lyrismus, und man spürt viel mehr Goethes dringenden Wunsch, über ein Thema zu schreiben, das ihm am Herzen liegt, als eine Einführung in ein bereits ausgearbeitetes Werk zu geben. Deshalb erscheint der Text wohl auch nicht in den französischen Ausgaben von Goethes Werken und ist nach unserem Wissen bisher nicht übersetzt worden.

Als Goethe beginnt, sich für Geologie zu interessieren (besonders ab 1776, dem Jahr, in dem er mit der Aufsicht des Bergwerks Ilmenau betraut wurde), befindet diese sich in einem großen Umbruch. Als noch junge Disziplin ist sie im Begriff, ihre Grundlagen zu schaffen, ihre ersten Postulate aufzustellen – und das vor allem im Rahmen einer großen wissenschaftlichen Debatte, bei der seit fast einem Jahrhundert zwei gegensätzliche Theorien aufeinandertreffen: die der Neptunisten, für die die Erde, wie wir sie wahrnehmen, das Werk des Wassers ist (sei es das der Sintflut oder das eines Urmeeres), und die der Plutonisten, für die sie das Werk des Feuers ist, das in ihren Augen als einziges Element fähig ist, Gesteine zu schmelzen. Als Goethe diesen Text 1784 schreibt, herrscht in Deutschland eindeutig die neptunische Theorie vor – eine Theorie, die durch die bedeutende Persönlichkeit Abraham Gottlob Werner (derselbe Werner, dessen leidenschaftlicher Schüler Novalis war) vertreten wird.

Nach Werner sind alle Gesteine Produkte des Wassers; am Ursprung der Dinge lagerte ein großes ruhiges Meer nach und nach riesige Massen im kristallinen Zustand ab; Granit bildet die Grundlage für alles und wird von Gneis bedeckt, was nur in Blättchen zerteilter Granit ist. Nach den Graniten und Gneisen werden regelmäßig Kalksteine und Tone abgelagert. Vulkane sind nur zufällige, lokale Phänomene; sie sind modernen Ursprungs; sie werden zweifellos von Kohle gespeist, deren Entstehung sie nicht vorangegangen sind. Granit ist der Kern der Erde, das Urgestein. (Faivre 138–139, Übers. S. M.)

Goethe nimmt diese Theorie mit Begeisterung an. Aber was damals in gewisser Weise eine einfache Positionsergreifung in einer wissenschaftlichen Debatte ist, die sicherlich bedeutsam, aber keineswegs außergewöhnlich war, wird allmählich zu einer Ausnahmeposition in der wissenschaftlichen Gemeinschaft wie auch im intellektuellen Milieu im Allgemeinen. Denn die neptunische Theorie kann sich ab etwa 1800 immer weniger gegen die Plutonisten behaupten, deren Herangehensweise rigoroser ist und die ihre Behauptungen vielmehr auf konkrete Beobachtungen stützen. Die meisten Neptunisten kehren sich schließlich von Werners Schule ab. Aber auch als sich immer deutlicher herausstellt, dass dessen Theorie falsch ist, macht Goethe sie sich weiterhin zu eigen und verteidigt sie geradezu leidenschaftlich. Daraus könnte man schlicht auf einen gewissen nostalgisch gefärbten wissenschaftlichen Amateurismus schließen. Zweifellos offenbart sich aber noch etwas anderes: ein Wendepunkt nicht nur zwischen zwei wissenschaftlichen Theorien, sondern auch zwischen zwei Weltanschauungen, die auf unterschiedlichen Paradigmen fußen.

Auch wenn Goethe Werners Theorie aufgreift, scheint diese für ihn weniger eine Theorie als eine Erzählung zu sein, eine Fabel über die Welt. Und zu einer Zeit, in der die Naturgeschichte den Naturwissenschaften weichen muss, scheint sie für ihn vor allem eine Geschichte zu bleiben. Eine Geschichte, die auf der Suche nach einem Ursprung basiert, auf dem Wunsch, das Älteste überhaupt, aus Zeiten, in denen das Antike auf das Primitive trifft, auszumachen und näher zu bestimmen. Auf diese Weise verbindet sich diese Geschichte mit Goethes Poetik: So wie er nach der „Urpflanz“ und nach dem osteologischen Typus gesucht hat, so sucht er auch mittels der Geologie nach dem Urgestein, das seiner Ansicht nach Granit ist: das Grundgestein, aus dem alle anderen durch Metamorphose hervorgegangen sind, und zwar aus den drei Elementen, aus denen es besteht (Quarz, Feldspat, Glimmer) – und in denen er auch das Bild der göttlichen Dreieinigkeit und damit einer über Leben und Tod hinaus begründeten Ordnung sieht, wenn er bezüglich des Granits von der „vollkommenen Dreieinigkeit seiner Teile“[1] spricht. Und aus dem Konzept dieser metamorphosischen Konfigurationen ergibt sich eine Art unendliche elementare Morphologie, nach der sich für Goethe, der von der Entstehung und dem Erscheinen von Formen fasziniert ist, in einem „Überschwang des Elementaren“[2] die ganze Erde zu bilden scheint:

„[D]er Naturforscher [ist] überzeugt, schreibt er, daß alles nach Gestalt strebt, und auch das Unorganische erst für uns wahren Werth erhält, wenn es eine mehr oder weniger entschiedene Bildsamkeit auf die eine oder die andere Weise offenbart.“ (Goethe, „Serpentin und Pechstein“ 112)

Es ist offensichtlich, dass die Fragestellungen dieses Textes und der theoretische Ansatz, der in ihm ausgebildet wird, insofern sie denn wissenschaftlich sind, genauso sehr (oder mehr noch) ästhetisch sind (zumal Goethes Behauptungen auf wissenschaftlicher Ebene zumeist falsch sind). Und in gewisser Weise gilt dasselbe für den Streit zwischen den Neptunisten und den Plutonisten: Es geht hier natürlich um eine wissenschaftliche Debatte und die Begründung einer neuen Wissenschaft, aber es offenbart sich auch so etwas wie der Ausdruck einer neuen Episteme, einer neuen Ausrichtung, die Goethe nicht zu begreifen scheint.

Es scheint, dass das, was er nicht versteht, oder besser gesagt, was ihm nicht zusagt, genau das ist, was die Denkanstöße zur gerade entstehenden Geologie gibt: dass eine Schicht nicht nur und notwendigerweise eine Schicht auf und nach einer anderen Schicht ist, dass es eben nicht so ist, dass es eine Schicht gibt, dann die nächste, dann noch eine, wobei jede ein bisschen weiter von der ursprünglichen Schicht entfernt ist – sondern dass es vielmehr eine Vielzahl von Schichten gibt, und dass sich in dieser Vielzahl Linien, Brüche, Überlappungen, Falten, Einbrüche bilden, ein Durcheinander entsteht. Goethe kann in der Tat nicht umhin, alles auf eine einzige Struktur zu reduzieren, die sich ausschließlich auf den Ursprung stützt, den sie in einer Grundeinheit findet. In der Geschichte des Granits geht es vor allem darum, eine primitive Welt zu rekonstruieren, aus der ein ursprüngliches Prinzip der Naturerkenntnis abgeleitet werden kann. Der von ihm erwähnte „feste Boden“ dient daher sowohl als morphologische wie auch als metaphysische Stütze[3] – was den ursprünglichen Typus zu einer Wurzel macht, aus der heraus sich durch eine Neuzusammensetzung, die sich nicht wesentlich von einer Aufteilung oder Umverteilung derselben Elemente unterscheidet, die Metamorphosen vollziehen, die zur Bildung späterer Gesteine führen:

„So gestehe ich gern, daß ich da noch simultane Wirkungen erblicke, so andere schon successive sehen, daß ich in manchem Gestein, das andere für ein Konglomerat, für ein aus Trümmern Zusammengeführtes und Zusammengebackenes halten, ein auf Porphyr-Weise aus der heterogenen Masse in sich selbst Geschiedenes und Getrenntes und sodann durch Konsolidation Festgehaltenes zu schauen glaube. Hieraus folgt, dass meine Erklärungsart sich mehr zur chemischen als zur mechanischen hinneigt.“ (Brief an Carl Cäsar von Leonhard vom 1. Oktober 1807, zitiert von Faivre 142)

Ganz und gar keine Vielfalt also: Alles spielt sich in der Einheit ein und desselben Elements ab, das sozusagen nicht aus seinem Innersten heraustritt, sich keinem Außen öffnet. Im Gegenzug scheint das, was die Plutonisten zu berücksichtigen beginnen, genau diese Vielfalt zu sein: ein Prinzip, das weniger chemisch als mechanisch ist, was voraussetzt, dass ein Zusammenspiel von Bewegungen, Kräften, Spannungen auf die verschiedenen Elemente dessen einwirkt, das nun sehr wohl ein Milieu zu sein scheint. Ihrer Ansicht nach „sind im Kreislauf der Welt weder die Spuren eines Anfangs noch die Aussicht auf ein Ende zu finden“[4]: Es gibt keine einzige, eindeutige Struktur, die eine einzige Richtung beibehält und in einem „festen Boden“ verwurzelt ist, sondern eher eine Anordnung, ein Gefüge, das durch die wechselseitigen Beziehungen ihrer Elemente ständig neu gestaltet wird – anders gesagt: weniger die Metamorphose eines Typus als die Metamorphose eines Milieus. Das heißt, eine Vielfalt, die, ohne es zu merken, einen ersten Schritt auf das zumacht, was Deleuze und Guattari ein Rhizom nennen werden: eine Vielfalt, die also weniger einem „Wurzel-Kosmos“ (Deleuze und Guattari 10) entspricht als dem, was Kafka meint, wenn er in seinem Tagebuch schreibt: „Alle Dinge nämlich, die mir einfallen, fallen mir nicht von der Wurzel aus ein sondern erst irgendwo gegen ihre Mitte.“[5]


Literatur

Deleuze, Gilles, und Félix Guattari. Rhizom. Übers. Dagmar Berger, Clemens-Carl Haerle, Helma Konyen, Alexander Krämer, Michael Nowak, Kade Schacht. Berlin: Merve Verlag, 1977.

Faivre, Ernest. Œuvres scientifiques de Goethe [Goethes wissenschaftliche Werke]. Paris: Hachette, 1862.

Gnam, Andrea. „Geognosie, Geologie, Mineralogie und Angehöriges. Goethe als Erforscher der Erdgeschichte“. Goethe nach 1999. Positionen und Perspektiven. Hg. Matthias Luserke, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2001, 79–88
(http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/gnam_geognosie.pdf).

Goethe, Johann Wolfgang von. „Serpentin und Pechstein. Zu Nr. 83“. Goethes Werke in 36 Bänden. Stuttgart: Cotta, 1867. Bd. 35, 111–122.

Kafka, Franz. Tagebücher 1910-1923. Frankfurt am Main: Fischer, 1973.

Richard, Jean-Pierre. Onze études sur la poésie moderne [Elf Studien zur modernen Poesie]. Paris: Seuil, 1964.

 


 

[1] Zitiert von Andrea Gnam in „Geognosie, Geologie, Mineralogie und Angehöriges. Goethe als Erforscher der Erdgeschichte“.

[2] Formulierung von Jean-Pierre Richard in Bezug auf Francis Ponge in Onze études sur la poésie moderne 170, Übers. S. M.).

[3] Ebendiese Behauptung stellt Andrea Gnam in dem oben genannten Artikel auf.

[4] Faivre 139, unter Bezugnahme auf die Theorie des englischen Geologen James Hutton; Übers. S. M.

[5] Kafka 11; zitiert von Deleuze und Guattari 37.