Penser en langues: Germaine de Staël und Wilhelm von Humboldt

Penser en parole (Condillac)

Im Discours préliminaire zu seinem Cours d’études pour l’instruction du prince de Parme (1775) stellt sich Étienne Bonnot de Condillac die Frage, was und wie ein Kind lernen soll:

Il ne s’agit pas de donner à un enfant toutes les connaissances qui lui serviront un jour; il suffit de lui donner les moyens de les acquérir. […] En un mot, il s’agit de lui apprendre à penser. Pour lui donner de pareilles leçons, il faut savoir comment nous pensons nous-mêmes. (399)[1]

Anschließend erscheint das Denken in einer Folge von vier Künsten: Denken, Philosophieren (raisonner), Schreiben und Sprechen. Es sind Künste, weil sich deren Prinzipien erst im eigenen Tun (des Lernenden) verstehen und ihm somit nicht vorgeben lassen. Sie stehen in einer Kette, die deduktiv vom Denken zum Sprechen und induktiv (im Prozess des Lernenden) vom Sprechen zum Denken führt und somit in der Sprache angelegt ist. Diese vier Künste können, aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht, alle für sich einer separaten Betrachtung unterzogen werden, ziehen sich aber letztlich in einer einzigen zusammen:

Au reste, l’art de parler, l’art d’écrire, l’art de raisonner et l’art de penser ne sont, dans le fond, qu’un seul et même art. […] L’art de parler n’est donc que l’art de penser et l’art de raisonner, qui se développe à mesure que les langues se perfectionnent, et il devient l’art d’écrire, lorsqu’il acquiert toute l’exactitude et toute la précision dont il est susceptible. Mais quoique, dans le vrai, tous ces arts se réduisent à un seul, et qu’il soit même utile de les considérer sous ce point de vue, afin de les ramener aux mêmes principes, il est cependant nécessaire de les traiter séparément, quand on veut suivre le développement de nos facultés et le progrès de nos connaissances. J’ai fait voir que tous ces arts se confondent dans un seul. Je dirai plus, c’est qu’ils se réduisent à l’art de parler. (403)

Aus dem Wechsel von Sprechen und Sprache entwickelt sich somit das Denken, und das gilt sowohl für die individuelle wie die allgemeine Entwicklung. Die Entwicklungsmöglichkeit misst sich am „analytischen“ Charakter einer Sprache, das heißt an ihrer autopoietischen Fähigkeit, die Gesetze der „Sukzessionen“, die sich in ihr selbst vollziehen, im Sprechen zu erkennen; sie kann keinesfalls darauf reduziert werden, „das Medium der Kommunikation unserer Ideen“ (404) zu sein.

Was heißt das nun für das Wort „penser“? Im Wort penser verbirgt sich ein Tropus, welchen die Etymologie enthüllt. Diese geben dem abstrakten Wort einen Bedeutungskörper:

Le mot penser vient de pensare, qui signifie [en latin] peser. On a voulu dire que, comme on pèse des corps, pour savoir dans quel rapport le poids de l’un est au poids de l’autre, l’âme pèse, en quelque sorte, les idées, lorsque nous les comparons pour savoir dans quels rapports elles sont entr’elles. Par-là vous voyez que le mot penser a eu deux acceptations. Dans la première, qui est celle de peser, il s’est dit du corps, et il était pris au propre: dans la seconde, qui est celle que nous lui donnons aujourd’hui, il a été transporté à l’âme, et il se prend au figuré, ou, comme on dit encore, métaphoriquement. Les Latins exprimaient la pesée par une autre métaphore. Ils se servaient d’un mot [cogitare] qui signifie rassembler, mettre ensemble […]. (415)

Ohne jetzt näher auf die weitere Entwicklung von Condillacs Cours eingehen zu können, offenbaren die Wortkörper „penser“ und „cogitare“, dass das Denken selbst als Zusammenbringen und Vergleichen zu denken ist; der Festlegung durch das Zeichen geht ein Abwägen voraus, in welchem die Differenzen des Verschiedenen in ein komparatives Verhältnis gebracht werden, welche die Zeichenfunktion relativieren. (Das deutsche Verb „denken“ steht seinerseits in einer etymologischen Beziehung mit „Dank“, „Gedanke“, „dünken“, die beiden poetischen Verknüpfungen gehen verloren, wenn „penser“ mit „denken“ oder „denken“ mit „penser“ übersetzt wird, sie sind unübersetzbar. Offensichtlich verschieben sie sich aber auch in der Sprachentwicklung von der Doppelbedeutung zu zwei assonantischen Wörtern – und werden durch neue Bildungen ergänzt.)

Penser en langues (Rousseau)

Rousseaus posthum publizierter Essai sur l’origine des langues (ca. 1763) wurde oft als Text über den „Ursprung der Sprache“ (wie bei Herder und anderen Philosophen des 18. Jahrhunderts) gelesen bzw. übersetzt. Dabei ist die Pluralität der Sprachen („langues“, nicht „langage“) für Rousseau bereits von Anfang an gegeben und bildet schon in seinem früheren Discours sur l’origine de l’inégalité parmi les hommes (1755) eine nicht umgehbare und zugleich unlösbare Antinomie des „Ursprungs“:

Qu’il me soit permis de considérer un instant les embarras de l’origine des langues.[2] […] Remarquez encore que l’enfant ayant tous ses besoins à expliquer, et par conséquent plus de choses à dire à la mère que la mère à l’enfant, c’est lui qui doit faire les plus grands frais de l’invention, et que la langue qu’il emploie doit être en grande partie son propre ouvrage; ce qui multiplie autant les langues qu’il y a d’individus pour les parler, à quoi contribue encore la vie errante et vagabonde qui ne laisse à aucun idiome le temps de prendre de consistance; car de dire que la mère dicte à l’enfant les mots dont il devra se servir pour lui demander telle ou telle chose, cela montre bien comment on enseigne des langues déjà formées, mais cela n’apprend point comment elles se forment. (OC III, 146 f.)

Sprache bereits im Ursprung als Sprachen denken, als Übersetzung somit von Anfang an, und dies nicht nur zwischen Sprachen, sondern in allen „Idiomen“ (Dialekt, Soziolekt, Ideolekt), dies ist eine zentrale Herausforderung von Rousseaus Sprachtheorie. Sie ist eng verknüpft mit seiner politischen Theorie, insofern als der Contrat social nur für Nationen (als Sprachgemeinschaften zu verstehen) und nicht auf die Menschheit als Ganzes anwendbar ist. „Wenn eine Menschheitsgesellschaft anderswo als in den Systemen der Philosophen existierte“, sagt Rousseau in der ersten Fassung des Contrat social (OC III, 284), „so gäbe es eine universelle Sprache, welche die Natur allen Menschen beibringen würde, sie wäre das erste Instrument ihrer wechselseitigen Kommunikation.“ Im Essai wird dieser Gedanke (unter vielen anderen) weitergeführt zum letzten Kapitel, dessen Titel („Rapport des langues aux gouvernements“) den Zusammenhang von Sprachtheorie und politischer Theorie deutlich zum Ausdruck bringt. Auch für Rousseau sind Sprachen in ihrer Pluralität damit nicht konstituierend oder identitätsbestimmend, sondern vergleichend, wobei jetzt dieses Vergleichende erst zu einer Aufmerksamkeit für das Allernächste, Eigenste führt, ein Selbstbewusstsein ermöglicht – zugleich aber einen sehr ambivalenten Charakter hat:

Celui qui ne s’imagine rien ne sent que lui-même. La réflexion naît des idées comparées, et c’est la pluralité des idées qui porte à les comparer. Celui qui ne voit qu’un seul objet n’a point de comparaison à faire. Celui qui n’en voit qu’un petit nombre et toujours les mêmes dès son enfance ne les compare point encore, parce que l’habitude de les voir lui ôte l’attention nécessaire pour les examiner; mais à mesure qu’un objet nouveau nous frappe nous voulons le connaître, dans ceux qui nous sont connus nous cherchons des rapports; c’est ainsi que nous apprenons à considérer ce qui est sous nos yeux, et ce qui nous est étranger nous porte à l’examen de ce qui nous touche. (OC V, 396)

Dieses letzte Zitat[3] führt uns unmittelbar zu den drei Hauptgegensätzen, welche nicht nur die theoretische und praktische Tätigkeit von Germaine de Staël und Wilhelm von Humboldt, sondern auch ihr persönliches Verhältnis prägen: die Pluralität der Sprachen, die Verschiedenheit der Nationen (verstanden als Sprach- und Literaturgemeinschaften) und der Gegensatz der Geschlechter. In Sprachen, Nationen, Geschlechtern denken bedeutet für beide zweifellos Vergleich, Übersetzung, Zusammenführung im Hinblick auf das „Universale“ (ein bevorzugter Ausdruck Madame de Staëls), zugleich aber wird der Widerspruch zwischen der Einsicht in die Notwendigkeit des Fremden für die Entwicklung des Eigenen und dem gerade deshalb ebenso notwendigen Fortbestehen der anderen Sprache, der anderen Nation und des anderen Geschlechts nicht aufgehoben. Wie bei Condillac können auch hier alle drei Gegensätze aus dem einen Gegensatz der Sprache und der Übersetzung entwickelt werden.

Germaine de Staël und Wilhelm von Humboldt[4]

Beide gehören, bezogen auf Condillac und Rousseau, der folgenden Generation an und kamen 1766 bzw. 1767 zur Welt. Mme de Staël ist Pariserin aus Genf und Coppet, mit einem berühmten Vater (Jacques Necker); Wilhelm von Humboldt stammt aus Berlin. Beide sind überzeugte Protestanten und profitieren von einer hervorragenden Ausbildung und familiärem Reichtum. Wichtige erste intellektuelle und emotionale Erfahrungen machen sie in Salons: Wilhelm von Humboldt im Salon von Henriette Hertz, Germaine de Staël zuerst im Salon ihrer Mutter (mit Buffon, Diderot, Grimm, Marmontel, Bernardin de Saint-Pierre u. a.) und ab 1786 im eigenen Salon (mit u. a. Condorcet, Lafayette, Narbonne, Talleyrand). Und die spätere „Gruppe von Coppet“ um Madame de Staël (1804–1817) ist im Grunde eine variierte Fortführung des aufklärerischen Salon und der République des lettres, im Schloss Coppet selbst und mit dem großen europäischen Netzwerk, das dazu gehörte – als liberal-aufklärerischem Gegenzentrum zu Paris.[5] Caroline und Wilhelm von Humboldt praktizierten eine lebenslange „offene Beziehung“, die lange Liste von Mme de Staëls Liebhabern ist bekannt. Humboldt gehörte nicht zu ihnen, doch seine Briefe sind mit allen philosophisch-kritischen Überlegungen immer wieder auch Liebesbriefe (ihre Briefe an ihn sind leider verschollen). Ihr weniger passioniertes vous-Verhältnis (gegenüber dem tu Benjamin Constants) und ihre gegenseitige Unabhängigkeit (gegenüber dem Angestelltenverhältnis mit August Wilhelm Schlegel[6]) lassen in Humboldts Briefen eine reflektiertere Einsicht in das Wesen seiner Adressatin (und seines eigenen im Vergleich) erkennen, als dies bei diesen beiden anderen Autoren um Mme de Staël der Fall ist.

 Für Humboldt und Mme de Staël war die Zeit zwischen Aufklärung und Restauration (1789–1815) prägend, beide standen mit bedeutenden Staatsmännern, Generälen, Philosophen und Dichtern in persönlicher Verbindung und vertraten unbeirrbar die Ideale einer liberalen Demokratie und eines europäischen Zusammenwirkens der Nationen (aber nicht einer europäischen Integration), die mit dem Wiener Kongress ihr Ende fanden. Das liberale Ideengut der Aufklärung bewahrend sahen sich beide nach dem Scheitern der Revolution in einer Zwischenzeit, mit unterschiedlichen Entwürfen für eine kommende Literatur und Literaturkritik, eine neue Wissenschaft der Sprache, ein humanistisches Bildungswesen.

 Was sofort ins Auge springt, ist der ihnen gemeinsame Wille zur vergleichenden Ausdehnung: Einbezug anderer Literaturen und Sprachen (bei Humboldt auch ganz weit entfernter Sprachen), ständige Erweiterung des Personenkreises, Zirkulation des Wissens, Überschreiten der Landes- und Disziplinengrenzen. Mit Mme de Staël und Humboldt und deren Umkreis[7] beginnt die literarisch-linguistische Komparatistik,[8] gewissermaßen im Vergleich selbst. Sie zusammenzusehen bedeutet jedoch auch, sich auf ihre Gegensätze einzulassen, auf ihre Konflikte, in denen sie sich auf zum Teil markante Weise unterscheiden, und deren Bedeutung zu verstehen; darin zeigen sich, so scheint es mir, immer auch Gegensätze, welche in der späteren Geschichte der Komparatistik, die sie – ohne dies zu wollen – begründet haben, immer wieder eine Rolle spielen werden. Diese Konflikte betreffen allerdings viel weniger, als man erwarten könnte, die vorher erwähnten drei Hauptgegensätze.

Vergleichen: Geschlecht, Nation, Sprache

Die vielen überlieferten Briefe Humboldts an Madame de Staël zwischen 1798 und 1808 lassen, allein schon in der Wahl der französischen Sprache, eine starke Zuwendung erkennen; die Grenze zum Liebesbrief ist durchlässig – und das Liebesgeständnis verbindet sich mit der Darstellung seiner eigenen Entwicklung zur vergleichenden Sprachtheorie, so etwa im Brief vom 14. Juni 1801 aus Bordeaux, mit der Entdeckung der Basken, von denen er gerade zurückkehrte:

Il n’y a que vous, Madame, qui puisiez dans le mouvement même de la société ce qui me semble appartenir qu’au recueillement de la solitude. J’ai admiré souvent, comment au milieu des cercles les plus nombreux il vous échappe[9] de ces mots, de ces phrases qui partent directement du fond de l’âme. […] Oui, Madame, je me suis beaucoup occupé de vous en pensée [pendant mon voyage au Pays basque], je me suis retracé ces jours que j’ai passé avec vous, cette bonté si touchante avec laquelle vous m’avez accueilli, avec laquelle vous m’avez permis de vous voir presque journellement, avec laquelle enfin vous m’avez laissé entrevoir quelquefois de ces mouvements plus intimes et plus secrets de l’âme. […] Vous savez, Madame, que j’ajoute un grand prix à l’étude des nuances qu’il y a entre le caractère des différentes nations […]. On s’occupe trop peu de l’homme et beaucoup trop des ouvrages qu’il fait et des institutions qui doivent le diriger, et on néglige surtout de l’étudier dans l’ensemble de son individu. (Leitzmann, III)

Die späteren gemeinsamen Tage 1805 in Rom (deren Mme de Staël auf andere Weise in Corinne ou l’Italie gedacht hat)[10] werden in ähnlich elegischen Tönen festgehalten. Offensichtlich nährt sich Humboldts Passion aus dem, was Germaine de Staël im Reden und dann auch im Schreiben entwischt: Funken aus Tiefe und Grund (fond, profond). Diese Funken entspringen, offensichtlich unwillkürlich, einer Gesprächskultur, die Mme de Staëls Konversation und Schreiben auszeichnet. Diese Gesprächskultur, den esprit de conversation,[11] sieht Mme de Staël, mit ihren Funken, selbst als französisches Privileg:

Le genre de bien-être que fait éprouver une conversation animée ne consiste pas précisément dans le sujet de cette conversation; les idées ni les connaissances qu’on peut y développer n’en sont pas le principal intérêt; c’est une certaine manière d’agir les uns sur les autres, de se faire plaisir réciproquement et avec rapidité, de parler aussitôt qu’on pense, de jouir à l’instant de soi-même, d’être applaudi sans travail, de manifester son esprit dans toutes les nuances par l’accent, le geste, le regard, enfin de produire à volonté comme une sorte d’électricité qui fait jaillir des étincelles, soulage les uns de l’excès même de leur vivacité, et réveille les autres d’une apathie pénible. (De l’Allemagne, I/11, 150)

Gesprächskultur ist für Mme de Staël somit: Improvisationskunst in Rede und Gegenrede. Sie hat aber ganz klar auch den Charakter der émulation im Sinne des Wettstreits, des witzigen Sich-Messens, der usurpatorischen Intervention – ganz anders dagegen die deutsche Treuherzigkeit:

En France, celui qui parle est un usurpateur qui se sent entouré de rivaux jaloux et veut se maintenir à force de succès; en Allemagne, c’est un possesseur légitime qui peut user paisiblement de ses droits reconnus. […] La bonne foi du caractère allemand est aussi peut-être un obstacle à l’art de conter: ils sont gais comme ils sont honnêtes pour la satisfaction de leur propre conscience, et rient de ce qu’ils disent longtemps avant même d’avoir songé à faire rire les autres. (I/11, 157 f.)

Émulation ist ein zentraler Begriff für Mme de Staël – und lässt sich nicht ohne weiteres ins Deutsche übersetzen. Aemulatio gehört zur Gelehrtensprache, und das Wort „Überbietung“[12] kann die dynamische Ambivalenz des Begriffs nicht wirklich ausdrücken: Einerseits ist damit das Sich-Messen in einem friedlichen Wettbewerb (wie in einem früheren Dichter-Wettstreit) gemeint, andererseits aber der ehrgeizig-eifersüchtige Konkurrenzkampf, wie er nicht nur in Mme de Staëls Beschreibung der französischen Konversation, sondern auch in den heutigen akademischen Gepflogenheiten zum Ausdruck kommt. Im theoretischen Teil ihres Buches De la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociales widmet ihr Mme de Staël ein eigenes Kapitel[13] und bringt gerade hier den politischen Anspruch ihres Literaturverständnisses zum Ausdruck. Émulation ist für sie ein sowohl individuelles wie allgemeines Bildungsprinzip für das Individuum bzw. die Republik: „La force de l’esprit ne se développe toute entière qu’en attaquant la puissance; c’est par l’opposition que les Anglais se forment aux talents pour être ministres.“ (OP 226) Die émulation ist notwendig (im Sinne des Liberalismus) für das Leben der Republik. Sie ist aber auch Entwicklungsprinzip in der Sprache bzw. für die Sprache[14] – auch zwischen Sprachen, also in der Übersetzung (ich werde darauf zurückkommen).

Den nationalen Unterschied führt Mme de Staël an anderer Stelle[15] auf Unterschiede in Sprechtempo und Redewechsel (und damit eben auch der émulation) sowie auf den schwerfälligeren deutschen Satzbau zurück: Da das Französische viel mehr und schneller gesprochen werde, sei es geschliffener („plus poli“) und bissiger auf das Ziel gerichtet, das Deutsche hingegen viel weniger auf Schnelligkeit und knappe Präzision angelegt, die Lust am Unterbrechen („le plaisir d’interrompre“), welche die Diskussion lebendig mache, sei im Deutschen unmöglich wegen der deutschen Syntax mit ihren langen Sätzen und deren Schwerpunkt am Ende, die soziale Wirkung der Wörter sei ungeschliffener (da weniger im grand monde erprobt), diese hätten „die Abenteuer im Sozialen“ viel weniger erfahren, widerständen den Differenzierungsmöglichkeiten der Lüge. Sprache und Nation vermischen sich jetzt laufend, das Verglichene (Französisch und Deutsch) wird stets komplementär behandelt:

L’allemand convient mieux à la poésie qu’à la prose, et à la prose écrite qu’à la prose parlée; c’est un instrument qui sert très bien quand on veut tout peindre ou tout dire; mais on ne peut pas glisser[16] avec l’allemand sur les divers sujets qui se présentent. Si l’on voulait faire aller les mots allemands du train de la conversation française, on leur ôterait leur grâce et toute dignité. Le mérite des Allemands c’est de bien remplir le temps; le talent des Français, c’est de le faire oublier. […] Il faut se mesurer avec les idées en allemand, avec les personnes en français; il faut creuser à l’aide de l’allemand, il faut arriver au but en parlant français; l’un doit peindre la nature, et l’autre la société. (I/12, 160 f.)

Die zitierten Stellen zeigen deutlich, dass Mme de Staël tut, was sie sagt, und mit dem esprit de conversation nicht nur die französische (und ihre eigene) Gesprächskultur herausstellt, sondern auch ihren eigenen Schreibstil, dessen Witz und dessen Kunst der Improvisation und der Zuspitzung. Sie hat goût im Sinne der raschen Auffassung und Einstufung des Geschriebenen, vor jeder Reflexion.[17] Diese Qualität zeigt sich aber auch im Geschriebenen, wenn es etwa um das Schreiben an und über Frauen geht (und hier erlaubt sich Germaine de Staël auch einen weitsichtigen persönlichen Kommentar): [18]

C’est quelquefois par un désir mal entendu de plaire aux femmes, que les Allemands veulent unir ensemble le sérieux et la frivolité. Les Anglais n’écrivent point pour les femmes; les Français les ont rendues, par le rang qu’ils leur ont accordé dans la société, d’excellents juges de l’esprit et du goût; les Allemands doivent les aimer, comme les Germains d’autrefois, en leur supposant quelques qualités divines. Il faut mettre du culte et non de la condescendance dans les relations avec elles. (De la littérature, I/17, OP, 180)

Das Zitat veranschaulicht Madame de Staëls Konversationsstil und dessen Sprünge (und damit das, was Humboldt „heterogen“ genannt hat): Jeder der fünf Sätze dieses Abschnitts könnte für sich gelesen werden (als Aphorismus) und zielt, ohne völlig aus dem Zusammenhang gerissen zu sein, wie die Stäbe eines Mikadowurfs in eine andere Richtung, bedürfte weiterer Ausführung. Der erste Satz kritisiert eine bestimmte Form deutschen Schreibens[19] (und suggeriert, dass die Franzosen auf elegantere Weise frivol sein können), der zweite wirkt rätselhaft (wenn man bedenkt, was Mme de Staël selbst im Essai sur les fictions über die englischen Romane sagt), der dritte spielt an auf die Salonnières der Aufklärung, der vierte sagt etwas Witziges über deutsch-germanische Männerliebe, und den fünften könnte man im ersten Teil, Schiller[20] folgend, mit „Ehret die Frauen!“ übersetzen, während der zweite Teil einen Bogen schlägt (vom männlichen zum weiblichen Schreiben) und nun plötzlich persönlich und modern wirkt in der deutlichen Kritik an der Herabwürdigung der Frau und besonders des weiblichen Schreibens. Mme de Staël macht davon weniger Aufhebens als andere Autorinnen, aber das Argument ist glasklar (auch und besonders in Bezug auf männliche Überhöhungen der Frau) – und es kann kein Zweifel bestehen, dass sie selbst unter solch insinuierender Herabwürdigung litt.[21]

Bevor ich dieser Geschlechterspur weiter zu Goethe und Humboldt folge, möchte ich auf die Nationalitäten hinweisen, die in dieser Form in Mme de Staëls Texten immer wieder auftauchen: les Allemands, les Anglais, les Français (hier tatsächlich nur die Männer gemeint) und die hier nicht genannten Italiens. Diese sind feste und zugleich variable[22] Bausteine auf Madame de Staëls europäischem Feld. Der moderne Leser empfindet und kritisiert sie als clichés – und muss wohl zugleich zugeben, dass diese, zumindest untergründig, bis heute wirksam geblieben sind. Sinn machen sie nur, wenn man sie zuerst einmal auf Sprach- und Kulturgemeinschaften bezieht; dass aus diesen dann auch eine „Nation“ im anderen Sinn (Staat) entsteht (England, Frankreich) oder entstehen sollte (Deutschland, Italien) und dass diese vier sich solcherart konstituierenden Nationen gerade aus ihren Gegensätzen heraus (nicht etwa aus ihren eigenen Wurzeln) weiterentwickeln sollen, ist allerdings das zentrale Entwicklungsmodell von Madame de Staël. Auch dieses ist komplementär: Die Engländer haben das beste politische System (liberale Demokratie), die Franzosen ein kultiviertes Gesellschaftsleben, die Deutschen die größten Vorzüge in Philosophie und Poesie und die Italiener die schönste Sprache und die Tradition der antiken Römer. Die clichés (an die Madame de Staël selbst nicht geglaubt hat im Sinne von: alle Franzosen, alle Männer usw.) sind notwendig gesetzte Fixpunkte, um die Interdependenz von innerer Konstituierung der Nationen und äußerer Gegenwirkung sichtbar machen zu können. Diese Nationen sind somit alles andere als nationalistisch, vielmehr liegt im Fremden, das sie herausfordert, die eigene Zukunft. Mit einem berühmten, variierten Ausspruch: „J’ai trouvé dans les pays étrangers qui sont la postérité contemporaine, une existence fort au-dessus de celle que j’espérais.“[23] Erst aus diesem Zusammenwirken ergibt sich die Möglichkeit der Weiterentwicklung, des perfectionnement, wie es Staël (mehr im Anschluss an Condorcet denn an Rousseau) nennt: „[C’]est un heureux mélange que la grâce française avec la réflexion allemande et j’ai toujours pensé que si la perfection existe c’est dans l’union des contrastes qu’elle se trouve.“[24] Wie steht es nun aber mit den Möglichkeiten dieser Weiterentwicklung aus der Auseinander-Setzung in Geschlecht, Nation, Sprache? Die Problematik lässt sich an der Beziehung von Madame de Staël und Wilhelm von Humboldt gut darstellen.

 Ich komme zuerst auf den Gegensatz der Geschlechter zurück. Humboldt verwehrt sich gegen Goethes diskrete Herablassung[25] und verteidigt „die Staël“ (deren Schriften er durchaus kritisch gegenüberstand) als geistig-menschliche Person bis zum Schluss seines Lebens.[26] Hingegen befasst er sich in zwei frühen Schriften mit dem Gegensatz der Geschlechter.[27] Was bei Staël als Wirkung und Gegenwirkung für die Weiterentwicklung von Nationen (und Sprachen) in Erscheinung getreten ist, sieht Humboldt zunächst als natürliches Gesetz der Fortpflanzung, der „Ausbildung des Einzelnen“ (Kraft der Einseitigkeit, Vielseitigkeit der verbindenden Form), sein Modell ist die Zeugung (und man beachte nun seine sorgfältige, ganz unfrivole Wortwahl). Die „ungleichartige Verteilung der Kräfte“ sei es, welche bewirke, dass Frau und Mann „nur verbunden ein Ganzes ausmachen“, getrieben durch „ein gegenseitiges Bedürfnis, dieses Ganze in der Wechselwirkung durch die Tat herzustellen“ (GS I, 312); das ist gewissermaßen der Trick der Natur, um aus Endlichkeit Unendlichkeit zu schaffen: „Aus endlichen Kräften bestehend, weiß die Natur sich durch ihre Form Unendlichkeit zu verschaffen.“ (I, 315) Auch Humboldt gibt sich größte Mühe, die notwendige Ungleichheit der Kräfte komplementär zu verstehen und die natürlichen mit den moralischen Forderungen in Übereinstimmung zu bringen:

Alles Männliche zeigt mehr Selbsttätigkeit, alles Weibliche mehr Empfänglichkeit. Indes besteht dieser Unterschied nur in der Richtung, nicht in dem Vermögen. […] Was aber gar kein Vermögen der Tätigkeit besitzt, wird nur durchdrungen, aber nicht berührt. Daher überall gleichviel Entgegenwirken als [statt] Leiden. […] Ohne auch in tiefere Beweise einzugehen, sehen wir im Menschen immer Selbsttätigkeit und Gegenwirkung einander gegenseitig entsprechen. (I, 320 f.)[28]

Auf dieses Modell lässt sich Madame de Staël im wörtlichen Sinn nicht ein, sehr wohl aber auf dessen übertragene Bedeutung bei Humboldt:

Auch die reinste und geistigste Empfindung geht auf demselben Wege [der Zeugung] hervor, und selbst der Gedanke, dieser feinste und letzte Sprössling der Sinnlichkeit, verleugnet diesen Ursprung nicht. Die geistige Zeugungskraft ist das Genie. […] Denn jedes Werk des Genies ist wieder begeisternd für das Genie, und pflanzt so sein eigenes Geschlecht fort. (I, 316 f.)

Und später: „Auch in der Zeugung nehmen wir nicht bloß dieselbe Wechselwirkung, sondern auch denselben Unterschied zwei verschiedener Geschlechter wahr. Ganz anders ist es in Gemütern beschaffen, die zu zeugen, anders in solchen, die zu empfangen bestimmt sind.“ (I, 320 f.) Also: Autor und Leserin, Autorin und Leser schon im Schreiben und Lesen selbst (nicht Autor*in, Leser*in!). Was bei der körperlichen Zeugung der Sex ist, ist bei der geistigen die Übertragung. Die wichtige Konsequenz, dass nur eigene Begeisterung für einen anderen Begeisterung schaffen kann, dass also wer Begeisterung vermitteln will, selbst begeistert und begeisternd sein muss, teilen Humboldt und Staël. Staëls Werk fängt mit der Begeisterung an und kommt immer wieder auf diese zurück,[29] und Humboldt setzt das Prinzip an den Anfang der französisch verfassten Schrift für Madame de Staël, einem Abriss seiner Abhandlung über Goethes Hermann und Dorothea von 1797:[30] „Le domaine du poète est l’imagination; il n’est poète qu’en fécondant la sienne, il ne se montre tel qu’en échauffant la nôtre.“(Müller-Vollmer 120) Mit „imagination“ übersetzt Humboldt hier die deutsche „Einbildungskraft“;[31] die deutsche Zusammensetzung wirkt viel autonomer als die französische Ableitung, die realitätsbezogener bleibt. Humboldts Kunstbegriff weist, was Müller-Vollmer mehrmals andeutet,[32] weit voraus auf Baudelaire (und Mallarmé), kann aber, zumindest um 1800, in dieser starken Bedeutung vom Französischen nicht aufgenommen werden. (In seinen Briefen an Madame de Staël weist Humboldt immer wieder darauf hin, dass die französische Sprache die deutsche Philosophie und Poesie nur begrenzt fassen könne. Mme de Staëls Hinwendung zur deutschen Literatur und zur deutschen Sprache [in der Humboldt sie eine Zeitlang unterrichtete],[33] sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Und für sie sind das Poetische und das Philosophische von da an klare Privilegien der Deutschen: Dichter und Denker!).

 Auch für Staël setzt die gesteigerte Begeisterung eine Selbstbegeisterung voraus, doch diese erfolgt idealiter in einem direkten Austausch mit dem Publikum (während bei Humboldt Schreibakt und Leseakt in der zündenden Wirkung gleich, räumlich und zeitlich jedoch getrennt zu denken sind). Im Italienroman wird Corinne gebeten, die Entstehung und Wirkung ihrer Improvisationskunst zu erklären, nicht zufällig geht sie (und mit ihr die Autorin) von der Konversation, also einer realen Wechselwirkung aus:

[M]ais si vous demandez d’examiner moi-même, je dirai que l’improvisation est pour moi comme une conversation animée. Je ne me laisse point astreindre à tel ou tel sujet, je m’abandonne à l’impression que produit sur moi l’intérêt de ceux qui m’écoutent, et c’est à mes amis que je dois surtout en ce genre la plus grande partie de mon talent. […] [Q]uelquefois cet intérêt m’élève au-dessus de mes forces, me fait découvrir dans la nature, dans mon propre cœur, des vérités audacieuses, des expressions pleines de vie que la réflexion solitaire n’aurait pas fait naître. Je crois éprouver alors un enthousiasme surnaturel, et je sens bien que ce qui parle en moi vaut mieux que moi-même […]. (OP, 1050, III, 3)

In dieser sich steigernden Selbsterklärung ihres Dichtertums („Je suis poète […] pour la dignité de l’espèce humaine et la gloire du monde“; 1051) geschieht das, was Corinne beschreibt: Sie reißt nicht nur ihre männlichen Zuhörer, selbst den Skeptiker mit, sondern vor allem sich selbst (die Begeisterung überträgt sich und kehrt in gesteigerter Form zurück usw.) und erklärt ihrem Geliebten errötend, sie könne das, was sie wirklich bewege, nur mit einer Art ébranlement aussprechen (womit die sexuelle Wechselwirkung dieser Steigerung sanft angedeutet wird). Der Unterschied (in der gemeinsam erkannten Begeisterung durch Begeisterung) ist jetzt deutlich geworden: Für Humboldt ist der poetische Akt, als reine Sprache, sublime Verwandlung der Wirklichkeit (und ist das gleichermaßen beim Dichter wie beim Leser, nur im Gedichteten verbunden), Staël dagegen stellt ihn dar, sie braucht ein Publikum, eine reale Gegenwirkung zwischen Dichterin und Zuschauern. Staëls Verständnis des Dichtens ist pragmatisch, bleibt an eine Realität, die besprochen werden kann, gebunden, jenes von Humboldt ästhetisch im kühnsten Sinne des Wortes. Leicht lassen sich darin zwei Grundmuster literaturkritischen Denkens erkennen, die hier nicht gewertet werden sollen. Vielmehr zeigt der intensive Briefwechsel von Madame de Staël und Wilhelm von Humboldt (von dem leider nur die eine Hälfte überliefert ist, die andere erraten werden muss) gerade, wie wichtig es ist, im Gespräch zu bleiben, selbst wenn, von der persönlichen Sympathie abgesehen, auf beiden Seiten Unverstandenes, Unübersetzbares zurückbleibt. Das ist Komparatistik: sich in bleibenden Differenzen bewegen, ob es nun um Geschlecht, Nation oder Sprache geht.

Übersetzung

Abschließend möchte ich kurz auf die beiden Übersetzungstheorien eingehen, die Madame de Staël und Wilhelm von Humboldt im selben Jahr 1816, aber ganz unabhängig voneinander, geschrieben haben. Sie situieren sich zeitlich zwischen den beiden bedeutenden Übersetzungstheorien von Schleiermacher (1813) und Goethe (1819) und sind nicht ohne indirekte Bezüge zu diesen. Sie unterscheiden sich zunächst deutlich voneinander.

Madame de Staëls kurzer Text De l’esprit des traductions (OC II, 294–297) erschien zuerst in italienischer Übersetzung unter dem Titel Sulla maniera e la utilità delle traduzioni.[34] Der Titel der Übersetzung verfehlt den französischen Titel markant: Staëls Text bietet in keiner Weise eine Anleitung, wie man übersetzen soll, und ist auch nicht auf den unmittelbaren Nutzen des Übersetzens ausgerichtet. Vielmehr geht es um das, was man in Analogie zum esprit de conversation, in dessen Modus Staël ihre Texte schreibt, den esprit de traduction nennen möchte: Übersetzen als geistige Orientierung, als (ein anderer) Grund des Schreibens, Mehrsprachigkeit als Entwicklungsprinzip des Geistes und der Sprache selbst. Dazu werden verschiedene Beispiele von traductions gegeben und kommentiert, in den letzten fünf Abschnitten geht es dann um ein kulturpolitisches Ziel: wie die italienische Sprache und Literatur durch Übersetzungen aus dem Englischen und Deutschen eine neue Statur gewinnen könnte und damit auch der Wiedererstehung Italiens (dem Risorgimento) die nötige kulturelle Basis geben könnte (was wiederum die italienische Erstpublikation und auf gewisse Weise auch die Verbiederung des kühnen Titels erklärt).

Humboldts Übersetzungstheorie findet sich im zweiten Teil der Einleitung zu seiner Übersetzung von Aischylos’ Agamemnon (GS VIII, 129–137). Sie ist auf vorbildliche Weise von Hans-Jost Frey interpretiert und in einer Zwischenstellung zwischen den früheren ästhetischen Schriften Humboldts und seiner späteren Sprachtheorie verortet worden. Sein Ausgangspunkt ist die Unübersetzbarkeit, bezogen auf das einzelne Wort:

Man hat schon öfter vermerkt, und die Untersuchung sowohl als die Erfahrung bestätigen es, dass, so wie man von den Ausdrücken absieht, die bloß körperliche Gegenstände bezeichnen, kein Wort einer Sprache vollkommen einem einer anderen gleich ist. Verschiedene Sprachen sind in dieser Hinsicht nur ebenso viel Synonymieen; jede drückt den Begriff etwas anders, mit dieser oder jener Nebenbestimmung, eine Stufe höher oder tiefer auf der Leiter der Empfindungen aus. Ein Wort ist so wenig ein Zeichen seines Begriffs, dass ja der Begriff ohne dasselbe nicht entstehen, geschweige denn festgehalten werden kann; das unbestimmte Wirken der Denkkraft zieht sich in ein Wort zusammen, wie leichte Gewölke am heitern Himmel entstehen. (GS VIII, 129)

Das vage Bild des „leichten Gewölks“ zeigt, dass dem „Bestimmungsvorgang eine untergründige Tendenz zum Unbestimmten hin eingewoben ist“ (Frey 123). Humboldt versteht diesen in Analogie zum früher besprochenen poetischen Akt:

Auch diese [die Entstehung einer idealen Gestalt in der Phantasie des Künstlers] kann nicht von etwas Wirklichem entnommen werden, sie entsteht durch eine reine Energie des Geistes, und im eigentlichsten Verstande aus dem Nichts; von diesem Augenblick an aber tritt sie ins Leben ein, und ist nun wirklich und bleibend. […] Wie könnte daher je ein Wort, dessen Bedeutung nicht unmittelbar durch die Sinne gegeben ist, vollkommen einem Worte einer anderen Sprache gleich sein? (GS VIII, 129 f.)

Was ist es nun aber, das die Wörter auch übersetzbar macht? Oder, und das ist die Kehrseite dieser Frage: Was bewirkt, dass das Wort zwar keinesfalls „als Zeichen seines Begriffs“ verstanden werden darf, aber eben auch zum (übersetzbaren) Zeichen werden kann? Ich überspringe hier die von Frey sehr sorgfältig nachgezeichneten Schritte. Nicht-Verstehen (und damit Übersetzung) findet in der Sprache immer statt, und zwar nicht nur zwischen Sprachen, sondern auch zwischen „Idiomen“ und Sprache (Dialekten, Soziolekten, Ideolekten) oder einzelnen Sprechern, und zur Übersetzung kommt es durch die Intervention des anderen: „Da Humboldts Verständnis des Wortes dies [Wort als Zeichen] ausschließt, kann er Übersetzen nicht als den Versuch verstehen, Gleiches anders zu sagen, sondern er nähert sich ihm von der Differenz her. […] Vielmehr fasst er die Unmöglichkeit der Äquivalenz als kreative Möglichkeit der Sprachentwicklung auf.“ In diesem Sinn entsteht auch das Gemeinsame einer Sprache nicht durch Verabredung (Zeichen), sondern am Widerstand des Nicht-Verstehens, an der Unübersetzbarkeit des individuellen Sprechens. „Die Fähigkeit, das Fremde aufzunehmen und es als Möglichkeit der eigenen Sprache freizulegen und zu verwirklichen, ermöglicht die sprachverändernde Wirkung der Übersetzung. […] Die Übersetzung erlaubt es, die Sprache in einen Unterschied zu sich selber zu bringen, das heißt sie zu verändern.“ (Frey 142 u. 144)

Mme de Staëls Abhandlung wirkt zunächst einmal völlig verschieden, mit einer Fülle von Beobachtungen und abrupten Unterbrechungen – ohne Sprachtheorie, ohne reflektierte Bilder. Ausgangspunkt ist eine Art Ökonomie der Weltliteratur: Große Werke der Literatur seien selten, eine nur auf sich selbst angewiesene Literatur bliebe „immer arm“, die „Zirkulation der Ideen“ sei von allen die „nützlichste Form von commerce“. Doch gerade aus dieser Ökonomie resultieren zwei Grundfragen: Warum nicht eine Sprache? Oder warum nicht alle Sprachen (sie nennt deren acht) sprechen? Beide Fragen werden pragmatisch beantwortet: Latein auf Gelehrte beschränkt, notwendige Volkstümlichkeit der Sprache, so viele Sprachkenntnisse könnten niemals „universal“ sein, doch (ganz im Sinne der Revolution): „c’est à l’universel qu’il faut tendre, lorsqu’on veut faire du bien aux hommes.“ (OC II, 294) Genau an diesem Ort, wo sie sehr weit weg von Humboldts Überlegungen zu sein scheint, berührt sie sich unversehens mit ihm:

Je dirai plus: lors même qu’on entendrait bien les langues étrangères, on pourrait goûter encore, par une traduction bien faite dans sa propre langue, un plaisir plus familier et plus intime. Ces beautés naturalisées donnent au style national des tournures nouvelles et des expressions plus originales. Les traductions des poètes étrangers peuvent, plus efficacement que tout autre moyen, préserver la littérature d’un pays de ces tournures banales qui sont les signes les plus certains de sa décadence. (294; meine Unterstreichungen)

Das Originale (im doppelten Sinn des Wortes) entsteht aus dem Fremden! Das sagt Humboldt auf sehr ähnliche Weise (und nimmt dabei die erste These von Mme de Staël[35] auf):

Das Übersetzen und gerade der Dichter ist vielmehr eine der notwendigsten Arbeiten in der Literatur, teils um den nicht Sprachkundigen ihnen sonst ganz unbekannt bleibende Formen der Kunst und der Menschheit, wodurch jede Nation immer bedeutend gewinnt, zuzuführen, teils aber und vorzüglich, zur Erweiterung der Bedeutsamkeit und der Ausdrucksfähigkeit der eigenen Sprache. (GS VIII, 130)

Beide sind sich auch einig, dass gerade zu diesem Zweck der fremde Text seine Fremdheit nicht völlig verlieren darf.

Im Text von Mme de Staël folgt der historische Teil mit Beispielen aus der französischen (Abbé Jacques Delille) und der englischen (Alexander Pope) Übersetzungsgeschichte, mit Hinweisen vor allem zur Wiedergabe der Prosodie sowie ein längerer Exkurs zur homerischen Frage. Johann Heinrich Voss’ deutsche Homer-Übersetzung wird als die „genaueste“ aller Homer-Übersetzungen ausgezeichnet, die italienische von Vincenzo Monti komme, gerade durch ihre Einfachheit, dem Genuss, der sich im Lesen des Originals erfahren lasse, am nächsten. Das führt zu den eingangs erwähnten Schlussabschnitten zum literarischen Risorigimento (das freilich nicht direkt so benannt wird).

Dass an dieser Stelle August Wilhelm Schlegels Shakespeare-Übersetzungen ins Deutsche (als Modell für die Italiener) genannt werden, kommt nicht zufällig. Shakespeare ist in Mme de Staëls Verständnis ein Volksdichter – und durch Schlegels Übersetzung zu einem Nationaldichter auf der deutschen Bühne (in Schlegels und Mme de Staëls Sinn als Nationaltheater verstanden, in dem sich die Nation zeigt) geworden: „A. W. Schlegel a fait une traduction de Shakespeare, qui, réunissant l’exactitude à l’inspiration, est tout à fait nationale en Allemagne. Les pièces anglaises ainsi transmises sont joués sur le théâtre allemand, et Shakespeare et Schiller y sont devenus compatriotes.“ (OC II, 296) Und der Leser von Corinne ou l’Italie wird sich hier an die eindrückliche Stelle im Roman, am Ende des ersten Bandes (VII, 3), erinnern, als Corinne Szenen aus Romeo and Juliet für Lord Nevil ins Italienische übersetzt und zur Aufführung bringt. „[…] Shakespeare, mieux qu’aucun écrivain étranger, a saisi le caractère national de l’Italie […]. Il y a dans cette composition une sève de vie, un éclat d’expression qui caractérise et le pays et les habitants. La pièce de Roméo et Juliette, traduite en Italien, semblait rentrer dans sa langue maternelle.“ (OP, 1138 f.)[36] Durch doppelte Verfremdung erneuert sich das Originale: Shakespeare „übersetzte“ die italienischen Mutterquellen in sein Stück und machte es so „volkstümlich“, Corinne schenkt diese Quellen, mit ihrer Übersetzung, den Italiener in gewandelt-aktualisierter Form zurück, so erklärt sich jetzt auch der Titel des Romans. In Corinnes Auftritt wird die gleichzeitige Schönheit des englischen Originals und der italienischen Übersetzung in Zitaten immer wieder unterstrichen („des vers si brillants dans l’anglais, si magnifiques dans la traduction italienne“). Abschließend heißt es: „Jamais tragédie n’avait produit un tel effet en Italie. Les Romains exaltaient avec transport la traduction, et la pièce et l’actrice. Ils disaient que c’était vraiment la tragédie des Italiens […].“ (1143)

 Auch hier beschreibt Mme de Staël den Vorgang, mit den englischen Originalversen, aber in französischer, nicht italienischer Übersetzung. Den poetischen Akt der Übersetzung erfährt der Leser nicht. Doch dass sich bei der beschriebenen Gleichzeitigkeit von Original und Übersetzung um einen sich steigernden Wettstreit, eine émulation handelt, wird im Text zur Übersetzung klar: „Ne serait-il donc pas possible qu’une émulation active, celle des succès au théâtre, ramenât par degrés l’originalité d’esprit et la vérité de style […]?“ (OC II, 296)

Am Schluss finden sich Germaine de Staël und Wilhelm von Humboldt, ohne dies zu wissen, mit ihren Übersetzungstheorien in einem musikalischen Bild. Humboldt: „Es ist nicht zu kühn zu behaupten, dass in jeder [Sprache] […] sich Alles, das Höchste und das Tiefste, Stärkste und Zarteste ausdrücken lässt. Allein diese Töne schlummern, wie in einem ungespielten Instrument, bis die Nation sie hervorzulocken versteht.“ (GS VIII, 139) – Germaine de Staël: „Traduire un poète, ce n‘est pas prendre un compas, et copier les dimensions de l‘édifice; c‘est animer du même souffle de vie un instrument différent.“ (OC II, 296)


Zitierte Werke

Primärtexte

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[1] Ich passe die Orthographie und Interpunktion aller Zitate den heutigen Regeln an, die Abstandsregeln werden überall wie im Deutschen eingehalten. Die Übersetzungen sind, soweit nicht anders angegeben, meine eigenen.

[2] In der Folge bezieht sich Rousseau auf Condillacs früheren Essai sur l’origine des connaissances humaines (1746) und kritisiert dessen Zeichentheorie. Condillac selbst hat diese Zeichentheorie im viel späteren Cours d’études, wie oben gezeigt, revidiert, mit impliziter Bezugnahme auf Rousseaus Kritik (Denken und Sprechen, das induktive Erlernen der Sprache).

[3] Man muss davon ausgehen, dass Mme de Staël und Humboldt Rousseaus Essai nicht gekannt haben – ganz im Gegensatz zu Rousseaus Hauptschriften und auch jenen von Condillac.

[4] Vgl. zu ihrem persönlichen und intellektuellen Verhältnis die Angaben im Literaturverzeichnis (in erster Linie die kommentierten Ausgaben von Leitzmann mit den französischen Briefen Humboldts und von Müller-Vollmer mit Humboldts französischer Abhandlung für Mme de Staël) sowie die Texte von Blaeschke, Böning, Hoock-Demarle, Kaiser und Müller, Paulin, Trabant.

[5] Vgl. dazu Kloocke und Balayé, Hofmann und Rosset, und die zahlreichen Publikationen der Association Benjamin Constant, der Société des études Staëliennes und der Cahiers Staëliens.

[6] Vgl. dazu die sehr sorgfältigen Ausführungen von Roger Paulin.

[7] Dazu gehören in erster Linie August Wilhelm und Friedrich Schlegel und im Allgemeinen die Gruppe von Coppet.

[8] „Komparatistik“ scheint mir besser als „Vergleichende Literaturgeschichte oder -wissenschaft“ oder „Littérature comparée“, da dieser Terminus eine Lehre vom Vergleichen im Gegensatz zu Gleichsetzung und Integration (die auch in ganz anderen Gebieten zur Anwendung kommt) impliziert, „Comparative Literature“ wiederum hat den Vorteil, dass dieser Ausdruck auf Literatur und Literaturkritik angewendet werden kann und außerdem die Idee der Komparation, der Steigerung aus dem Vergleich unterstreicht.

[9] Meine Hervorhebung. Mit échapper drückt Humboldt wiederholt das deutsche entwischen aus (was zu Missverständnissen führen kann), im Brief an Gustav von Brinkmann vom 17.12.1797 wird die Faszination des Funkelnden, des Elektrisierenden deutlicher: „[U]nd ich kann es nicht leugnen – was Sie auch manchmal gesagt haben – die Staël gehört zu den wenigen Menschen, die einen sehr tiefen und ewig unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht haben. Aber sie ist nicht, was sie sein könnte, was sie im Innern wirklich ist; heterogene Umgebungen haben sie heterogen gestimmt, und um die seltenen Funken aufzufangen, die wirklich aus ihr kommen, muss man mit Kummer sehen, wie viel Fremdes sie ihrer eigenen Natur zuwider an sich duldet oder sogar aufsucht. Weil mir dies, wenn ich mit ihr allein war, noch unerträglicher fiel als in Gesellschaft, wo einmal jeder seine Maske hat, so vermied ich, mit ihr allein zu sein. Könnte ich es aber lange genug, ihr dies rein heraus zu sagen und verständlich zu machen (wozu nicht wenig gehört), so gäbe ich viel darum. Immer aber werde ich sie lieber lesen als meistenteils hören, weil ihr im Schreiben noch mehr ganz ihr angehörende Dinge entwischen, und in ihrem Gespräche selbst, so lebhaft, unterhaltend, hinreißend es ist, werde ich eigentlich sie doch nur selten, aber dann immer mit einer Art Entzücken gewahr, So, sehen Sie, ist mein Dienst ein eigentlicher Götzendienst, ohne Weihrauch und Opfer, in sehr stiller und ungehörter Bewunderung, aber desto reiner und wahrer, und darum irrt es mich auch nicht mehr, wenn man Böses von ihr sagt, als es mich irrt, Atheisten reden zu hören. Verraten Sie mich indes nicht, denn leicht könnte ihr dieser Dienst gar zu rein vorkommen; doch ist es lautere Wahrheit und ich weiß nicht, ob sie je jemand gefunden hat, der sie so wahr und uneigennützig ehrt.“ (Leitzmann, II).

[10] In den gemeinsamen Erkundungen der Kulturschätze von Rom und Umgebung durch Corinne und Oswald (Bücher IV, V, VII).

[11] So der Titel von Kap. I/11 von De l’Allemagne, in der ganzen Bandbreite des Begriffs esprit zu denken.

[12] So die Übersetzung von Barbara Bauer in ihrem ausführlichen Artikel im Historischen Wörterbuch der Rhetorik.

[13] „De l’émulation“ (De la littérature, OP, 224–234).

[14] „L’esprit révolutionnaire se trace une route, se fait un langage […].“ (OP 225)

[15] „De la langue allemande dans ses rapports avec l’esprit de conversation“ (De l’Allemagne, I/12, 159–161).

[16] „Il y a bien des phrases dans notre langue [le français] pour dire en même temps et ne pas dire, pour faire espérer sans promettre, pour promettre même sans se lier. L’allemand est moins flexible […]“ (I/12, 161).

[17] Ihre Äußerung in der ersten Fassung von De la littérature, „Les Allemands manquent de goût naturellement, mais ils en manquent aussi par imitation.“ (OP 1514, n. 12), bewirkte heftige Proteste von deutscher Seite, da das Wort selbst (als „Geschmack“ ganz allgemein) nicht richtig aufgefasst wurde. Benjamin Constant u. a. überredeten Staël, die Stelle zu ändern, doch die zweite Fassung war nicht sehr verschieden („manquent de goût dans les écrits qui appartiennent à leur imagination naturelle“; OP 178).

[18] Solche Selbstkommentierungen bzw. Selbstunterbrechungen sind ein häufiges Stilmittel von Madame de Staël, ganz im Sinne der émulation.

[19] Mme de Staël illustriert hier den Sachverhalt mit einem Beispiel (Fußnote).

[20] Mme de Staël bewunderte ihn schon damals, Humboldt sowieso.

[21] Einen deutlichen Hinweis gibt die Fußnote am Schluss des Vorworts zur zweiten Edition von De la littérature: „Après avoir refuté les diverses objections qui ont été faites contre mon ouvrage [première édition], je sais fort bien qu’il est un genre d’attaque qui peut éternellement se répéter; ce sont toutes les insinuations qui ont pour objet de me blâmer, comme femme, d’écrire et de penser.“ Sie antwortet darauf nicht direkt, sondern mit einem längeren Zitat aus Molières L’École des femmes (OP 11 f.).

[22] Die Zuordnungen können durchaus verschieden sein: Les Allemands sind im Zitat spätere Germanen, manchmal heißen sie aber auch Tudesques, Österreicher und Deutschschweizer sind (als Deutschsprachige) inbegriffen, aber nicht immer usw.

[23] Brief an Madame Récamier, 17.9.1808. Meine Unterstreichung.

[24] Brief an Charles de Villers, 3.6.1803.

[25] Goethe übersetzte 1795 für die Horen Mme de Staëls Essai sur les fictions ins Deutsche (unter dem Titel Versuch über die Dichtungen). Er erlaubte sich einige Eingriffe in den Text (z. B. bei der Einteilung) und sprach davon, dass er den Text nicht nur über-, sondern auch versetzen (an den richtigen Ort bringen) müsse, um „ihre Worte unserem Sinn“ anzunähern und zugleich „die französische Unbestimmtheit nach unserer deutschen Art etwas genauer zu deuten“: „Was die gute Frau mit sich selbst eins und uneins ist!“ Eine „weibliche Methode und die Französische Sprache“ hätten ihm „viel zu schaffen gemacht“. (Briefe an Schiller, 6., 10. und 13.10.1795) Vgl. dazu Macher.

[26] „Der Staël mussten Goethe und Schiller Unrecht tun, da sie sie gar nicht genug kannten. Die Staël war bei weitem weniger von ihren schriftstellerischen Seiten, als im Leben und von Seiten ihres Charakters und ihrer Gefühle, Geist und Empfindung. Beides war in ihr auf eine ganz ihr angehörende Weise verschmolzen. Goethe und Schiller konnten das nicht so wahrnehmen. Sie kannten sie nur aus einzelnen Gesprächen, und auch da nur unvollkommen, da sie sich doch beide nicht französisch mit vollkommener Freiheit ausdrückten. Diese Gespräche griffen sie an, weil sie dadurch angeregt wurden, ohne sich doch in dem fremden Organ ganz und rein aussprechen zu können, und so wurde ihnen die lästig, die solche Gespräche veranlasste. Von dem wahren inneren Wesen der Frau wussten sie nichts. Was man von ihrer Unweiblichkeit sagte, gehört zu dem trivialen Geschwätz, das sich der gewöhnliche Schlag der Männer und Weiber über Frauen erlaubt, deren Art und Wesen über ihren Gesichtskreis geht.“ (Brief an Charlotte Diede, 2.8.1833).

[27] „Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluss auf die organische Natur“ (1794), GS I, 311–334; „Über die männliche und weibliche Form“ (1795), GS I, 335–369.

[28] Diese Passage wird von Sylvia Böning (38) nicht richtig zitiert und bekommt dann einen chauvinistischen Ton, der Humboldts Bemühungen nicht gerecht wird.

[29] „Il n’existe point encore d’éloge de Rousseau: j’ai senti le besoin de voir mon admiration exprimée.“ (OC I, 1). Georges Poulet setzt diesen ersten Satz an den Anfang seines Buches La Conscience critique (15) – und damit an den Beginn des bzw. seines literaturkritischen Bewusstseins. Er entwickelt im Folgenden die glückliche und die unglückliche Seite dieser Begeisterung, als Muster für das ganze Werk von Mme de Staël.

[30] Abgedruckt bei Müller-Vollmer, Poesie und Einbildungskraft, mit dt. Übersetzung, 119–211.

[31] „Das Feld, das der Dichter als sein Eigentum bearbeitet, ist das Gebiet der Einbildungskraft; nur dadurch, dass er diese beschäftigt, und nur insofern, als er dies stark und ausschließlich tut, verdient er Dichter zu heißen. Die Natur, die sonst nur einen Gegenstand für die sinnliche Anschauung abgibt, muss er in einen Stoff für die Phantasie umschaffen. Das Wirkliche in ein Bild zu verwandeln, ist die allgemeinste Aufgabe aller Kunst, auf die sich jede andere, mehr oder weniger unmittelbar, zurückbringen lässt.“ (GS II, 126).

[32] Müller-Vollmer, Poesie und Einbildungskraft 95, 107, 111 u. a.

[33] Die Art und Weise, wie sich viele Autoren, damals und heute, über ihre nicht perfekten Deutschkenntnisse mokieren und ihr alle möglichen „Übersetzungsfehler“ vorrechnen, empfinde ich als peinlich, sie stellt jede Form solcher Hinwendung in Frage. Humboldt verwendet das Argument nicht. Unbestritten bleibt, dass Germaine de Staël in De l’Allemagne einige Übersetzungen (z. B. der Schluss von Maria Stuart) viel besser gelungen sind als andere (etwa die Studierzimmerszene in Faust), sie hatte sich auch sehr viel vorgenommen.

[34] Biblioteca italiana 1 (1816), 9–18. Der Übersetzer war Pietro Giordani. – Der französische Originaltext wurde nach Mme de Staëls Tod von ihrem Sohn publiziert, in der ersten Gesamtausgabe (Paris: Treuttel und Würtz, 1820-21, vol. XVII, 387–99). Vgl. dazu die Texte von Pange, d’Hulst (85 f. mit Präzisierungen zur italienischen Übersetzung und dürftigem Kommentar), Goldberger, Leitgeb, Luzzi, Pennacchia, Wilhelm.

[35] „Il n’y a de plus éminent service à rendre à la littérature, que de transporter d’une langue à l’autre les chefs-d’œuvres de l’esprit humain.“ (OC II, 294)

[36] Vgl. dazu den schönen Text von Maddalena Pennacchia.