Übersetzung als Beziehung

Übersetzung und Übersetzen

In seiner Studie Der unendliche Text untersucht der Komparatist Hans-Jost Frey verschiedene Formen intertextueller Bezugnahme und ihre Auswirkungen auf literaturwissenschaftliche Grundbegriffe wie etwa Text oder Autorschaft. Ihm geht es dabei weniger um die Analyse literarischer Werke in ihren exklusiven Eigenschaften oder evidenten Textgrenzen als um die verschiedenen Typen ihres Miteinanders, ihrer Wechselseitigkeit und ihrer reziproken Durchdringung.

Die vielleicht naheliegendste Form eines solchen Miteinanders, auch wenn man selten in dieser Weise von ihr reden hört, ist die Übersetzung. Sie wird bei Frey nach einem Vorwort und einer Einleitung auch tatsächlich als erster Typus systematischer Intertextualität behandelt. Doch was kann darüber schon zu sagen sein? Versteht sich nicht von selbst, dass sich das Wesentliche an der Übersetzung aus der Kunst ihrer Herstellung ergibt? Leitet sich nicht alles Prinzipielle aus der Urszene ab, die sie immer und immer wieder aufführt? Hat nicht in ihrem Schreibvorgang alles mit einer Zwangsläufigkeit seinen Ursprung, dass sie auf einen unzweifelhaften Boden gestellt ist? Tatsächlich kann dieser Eindruck entstehen, drängen sich die Evidenzen und Wahrheiten des Übersetzens doch mit Nachdruck auf: Es ist die Natur der Übersetzung, ein Zweites und Nachzeitiges zu sein, und mit Notwendigkeit geht sie von einem Original aus, dem sie sich unterwerfen muss, wo sie es doch zu wiederholen hat. Mit einigem Recht hört man also, dass eine Übersetzung diese oder jene Wendung gut wiedergegeben habe oder „il est impossible de rendre tel ou tel aspect en traduction“. Mit einigem Recht ist von réécriture oder rewriting die Rede, wenn eine Übersetzung einen freieren, kreativeren Umgang mit ihrem Original erfordert. Nicht? Die Maximen der réécriture oder des rewriting ebenso wie die Redensart des wiedergeben oder des rendre nehmen immer auf das Übersetzen als Praxis Bezug. Tatsächlich ist im oder re immer schon das Original anvisiert und vorausgesetzt, und entsprechend befindet man sich bereits im Herrschaftsbereich der übersetzerischen Schreibszene und spricht aus ihrer Position. Der Raum der Übersetzung ist darin immer je schon zusammengefallen mit dem Korridor des Übersetzens.

Der vorliegende Aufsatz versucht ausgehend von Freys Überlegungen aus der Einleitung „Textbeziehung als Text“, die er dem ersten Abschnitt seiner Studie voranstellt, ein anderes Vokabular der Übersetzung zu gewinnen. Es wird darum gehen, die Übersetzung nicht mit der Urszene des Übersetzens zu identifizieren, sondern sie am Begriff der Beziehung zu entwickeln. Ich klammere die Praxis des Übersetzens vorübergehend aus, um zunächst in den Blick zu bekommen, was eine Übersetzung zu sein eigentlich bedeutet. Dieses Verständnis verändert anschließend den Blick auf das, was man das Übersetzen nennt.

 

Der Text und die Geschichte seiner Auswendigkeit

Frey eröffnet seine Studie mit einer Kritik an einem allzu autorzentrierten Zugang zu literarischen Texten, für den er die Figur des Denkmals prägt. Als Denkmal verstanden, verbleibe ein literarischer Text immer in der Deutungshoheit seines Autors, der es Respekt zu erweisen gelte, weshalb sich die Lektüre folglich auf das Entziffern von Autorabsichten reduziere. Mit der Anfechtung dieses Vorrangs für die Auslegung, also letztlich der Infragestellung der Auffassung, dass die „Autorität des Autors“ (Frey 17) für die Interpretation bindend sein muss, untersteht der Text bei Frey nicht mehr der Hoheit seines Ursprungs. Vielmehr öffnet er sich auf etwas, das im Denkmal notgedrungen außen vor bleibt oder gar abgewehrt werden muss, nämlich: dass er mit sich selbst nicht identisch bleiben kann. Jenseits seiner ermittelbaren und erzählbaren Entstehungsgeschichte besitzt ein Text die Geschichte seines Werdens, die nichts anderes als die Geschichte seiner Lektüren ist. Da „Texte ihre Urheber überleben“ (18), entwickeln sie wohl oder übel ein Eigenleben, bestehen fort in der Zeit, und dieses „Dauern der Texte ist ihr Eingehen in neue Zusammenhänge“ (18). Dieser Geschichte ihres Werdens widmet Frey seine Studie.

Besonderes Augenmerk legt er dabei auf Formen einer gewissermaßen systematischen Intertextualität, wie sie etwa im Übersetzen (Frey 24–50), Zitieren (51–75), Ändern (76–123) oder Deuten (124–152) zum Vorschein kommt. Diesseits einer haltlosen oder zu weit ausgreifenden Lektüre, deren einzige Legitimation im Subjekt des Lesens selbst läge, denkt Frey über Arten und Weisen der Inbezugsetzung von Texten nach, die eine Mechanik wechselseitiger Veränderung implizieren. Ein Zitat etwa ist für Frey nicht bloß ein akzidentelles Ereignis, das den Texten äußerlich bliebe, sondern im emphatischen Sinne eine Zusammenfügung, die auf die Lesbarkeit sowohl des zitierenden als auch des zitierten Textes zurückwirkt. Wird man auf diese Art wechselseitiger Verschränkung aufmerksam, so erweisen sich die Texte anschließend tatsächlich als verändert – und zwar unter Umständen auch dann noch, wenn sie wieder isoliert gelesen werden. Mit dieser Aufmerksamkeit öffnet sich ein Text also auf Konstellationen und Sinn-Effekte, die er für sich genommen nicht zu mobilisieren imstande gewesen wäre. Die intertextuellen Operationen zeigen mithin die Verletzlichkeit eines Textes, die Gefügtheit seiner Materialität, die Aufreißbarkeit seiner Oberfläche, die potentiell endlose Kombinierbarkeit seines Körpers mit anderen Textkörpern. Da sie ihm von außen zustoßen, kann sich ein Text nicht dagegen verwahren, von anderen heimgesucht, aufgespürt oder gefunden zu werden. Er besitzt keine Möglichkeit zu verhindern, dass man ihn aufgreift, widerlegt oder würdigt. Er kann, gewissermaßen gegen seinen Willen, in beliebige Formen der Interaktion gezwungen werden.

Was Frey in den Blick nimmt, wenn er die Veränderlichkeit von Texten in ihrer jeweiligen Begegnung bedenkt, ist die Textbeziehung. Ihn interessiert das, was ein Text nicht selbst ist, denn nicht nur erfordert eine Beziehung logisch mindestens zwei Terme, sie richtet sich auch auf das, was weder in dem einen noch in dem anderen für sich selbst ist. Frey geht es also weniger um die nach innen gewendete, ein semantisches Spiel zelebrierende Organisation von Zeichen, die an individuellen Umgrenzungen anfängt und endet, als um die Art und Weise, wie diese Organisation von Zeichen auf ein ihr unbekanntes Außen bezogen ist. Er durchdenkt die prinzipielle Affizierbarkeit des Textes, die bedeutet, dass die Art seines Andauerns, sein Altern, die Geschichte seiner Lektüren, usw. ihn selbst nicht unberührt lassen. Die sich wandelnden Zugriffe auf ihn verändern seine Lesbarkeit und folglich ihn selbst.

Frey unternimmt damit den Versuch zu entsubstanzialisieren, was wir unter Text verstehen, und das offenkundige Auseinanderklaffen zwischen der Endlichkeit seiner Zeichen und der potentiellen Unendlichkeit des Zugriffs auf ihn theoretisch zu begründen. Er richtet sein Augenmerk auf die spezifische Art textuellen Nicht-Seins, die in dem besteht, was der Text in Verbindung mit anderen Texten noch werden kann. Diese Arbeit am Offenen ist immer auch eine Arbeit am Minimen, am scheinbar Unerheblichen, an der geringfügigen Abwandlung, deren Ertrag nicht im Vorhinein bestimmbar ist. Die Abkehr von der Inwendigkeit des textuellen Spiels und die Beschäftigung mit der Geschichte seiner Auswendigkeit ist folglich eine Grundprämisse für Freys Denken der Textbeziehung.

 

Chronologie und Textbeziehung

Die Frage der Textbeziehung schließt ganz prinzipiell auch das Problem der Chronologie ein. Ist diese im Hinblick auf die Textentstehung, bei der sich der entstehende notwendigerweise auf den bestehenden Text bezieht, eindeutig, so gilt das nicht auf Seiten der Rezeption:

Niemand wird bestreiten, daß es eine Chronologie der Texte gibt, wohl aber kann die Verbindlichkeit dieser Abfolge für das Verständnis der Texte in Frage gestellt werden. (Frey 19)

Zwar lassen sich Texte nach ihrem Entstehungsdatum ordnen (was etwa die Literaturgeschichte, die eine Geschichte der Literaturschreibung ist, zur Aufgabe hat), doch ist nicht ausgemacht, dass ein späterer Text nur vom früheren her verstanden werden kann. Das Lesen verläuft ohnehin für gewöhnlich nach eigenen Rhythmen und muss die willkürlichen Abgrenzungen von Texten – oder gar die Fiktion ihrer Einheit – keineswegs respektieren. Vielmehr setzen sich die Literaturen der Welt im lesenden Körper einzig nach den Regeln der individuellen Lektüre zusammen und fallen auch in einer ihm eigenen Zeitlichkeit wieder auseinander. Diese Regeln schließen gerade auch das Lesen in umgekehrter Richtung ein:

Ihr [der einseitigen Bezugnahme des späteren auf den früheren Text] steht die reziproke Textbeziehung gegenüber, bei welcher nicht nur der spätere Text vom früheren her, sondern auch der frühere vom späteren her gelesen wird. Dies erscheint nur solange widersinnig, als man sich zuzugeben weigert, daß ein Text, der gelesen, gedeutet, bekämpft, parodiert, übersetzt usw. wird, dadurch ein anderer wird, als er vorher war. In der reziproken Textbeziehung ist weder die Chronologie der Texte noch deren Bedeutung verneint, sondern das voreilige Dogma von der Unveränderlichkeit der Texte. (20)

Nicht die Chronologie als objektiven Tatbestand greift Frey also an, sondern ihre Tendenz, die Lesbarkeit von Texten „festzulegen“[1]. In der Tat ist die Chronologie mit der Textbeziehung unvereinbar, weil sie deren Bedingung der Möglichkeit ausschließt:

Die reziproke Textbeziehung kommt nicht zustande, solange der Bann der Chronologie herrscht. Bei allen Versuchen, die Textbeziehung von der Chronologie her zu konstruieren, bleibt die Bedingung ihrer Möglichkeit außer acht: daß sie nämlich die Gleichzeitigkeit der Texte voraussetzt. (20)

Das Festhalten an der Chronologie bedeutet also eine Art Kolonisierung des späteren durch den früheren Text, mit der gerade das ausgeschlossen wird, was für eine Inblicknahme der Textbeziehung unerlässlich ist: die Gleichzeitigkeit der Texte in der Lektüre. Darunter ist zunächst natürlich zu verstehen, dass beide Texte zur gleichen Zeit vorliegen. Gerade das sei ja aus der Perspektive der Autoren nie gegeben, denn

[d]er Autor des früheren Textes hat als solcher keinen Zugang zum späteren Text, der auf seinen Bezug nimmt […], während dem Autor des späteren Textes der frühere zwar vorliegt, nicht aber sein eigener, der ja […] noch bevorsteht. (20 f.)

Darüber hinaus ist aber die Gleichzeitigkeit auch ein Merkmal der Textbeziehung selbst, und zwar insofern sie den Modus bezeichnet, mit dem sich die Texte in der Lektüre begegnen: Eine Textbeziehung zu lesen bedeutet, etwas dezidiert zusammenzulesen, was sich auch isoliert lesen lässt. Das Verhältnis der beiden Texte in der Textbeziehung ist in einem ausdrücklichen Sinne performativ, es ist aktive Inbezugsetzung zweier sonst unabhängig lesbarer Texte. Das bedeutet jedoch, dass die Ordnung der Chronologie, die den Texten für sich betrachtet zukommt, darin außer Kraft gesetzt ist. Die Hierarchie ihrer Herkunft ist im Zusammenlesen suspendiert, weil das Gesetz des Schreibens sich nicht in die Lektüre verlängert. Gleichzeitigkeit ist damit die Chiffre für die Freiheit, sich im Lesen über die Ordnung des Schreibens hinwegzusetzen.

Als Merkmal der Textbeziehung berührt die Gleichzeitigkeit aber noch einen anderen, verwandten Aspekt. Im Modus der Gleichzeitigkeit, in der Suspendierung von Herkunft und Chronologie, zeigt sich eine grundsätzliche Gleichrangigkeit zwischen den in Beziehung gebrachten Texten. Insofern sie ja gerade nicht als individuelle Texte, sondern im Zusammenhang gelesen werden, stehen sie für den Moment gleichzeitiger Lektüre auch auf gleicher Stufe. Was man an ihnen liest, ist die Art und Weise ihrer Bezugnahme, und darin ist es unerheblich, wie man sie außerhalb dieser Co-Lektüre beurteilt. Die Gleichzeitigkeit setzt sich also auch in Ebenbürtigkeit um, gerade weil von den Aspekten, die die Texte als isolierte aufweisen, abgesehen wird.

 

Text als Textbeziehung

Die Textbeziehung aktualisiert sich zwar konkret in der Leserin, ist aber als Tatbestand virtuell jedem Text eingeschrieben. Sie ist also einerseits „Sache des Lesers“ (Frey 21), „der ja die zwischentextliche Beziehung herstellt“ (21), besitzt jedoch andererseits eine Systematik, die sich relativ unabhängig von der Leserin beschreiben lässt. Wie die Texte „gegenseitig aufeinander einwirken“ (21) und dass sie sich „von dem [lösen], was jemand sagen wollte“ (21), kann man konstatieren, ohne eine konkrete Textbeziehung ins Auge zu fassen. Wenn sie also als Möglichkeit bereits virtuell besteht, doch aktualisiert werden muss, so stellt sich die Frage, wo man sie lokalisieren kann. Darauf antwortet Frey explizit:

Die Beziehung ist nicht nur zwischen den Texten, als etwas, wovon sie unberührt blieben, was ja die Beziehung gerade verhindern würde, sondern in ihnen. Die Beziehung dringt als das Verändernde in die Texte ein, die in ihr stehen. (21)

In diesem Sowohl-als-auch drückt sich die logische Reziprozität im Verhältnis von Text und Textbeziehung aus. Nicht nur sind die Texte in der Textbeziehung als deren erforderliche Teile, sondern die Textbeziehung ist auch in den Texten enthalten, und zwar als dasjenige, das über sie hinausgeht. Ein Text hält sich gewissermaßen die Möglichkeit offen, sich auf etwas anderes hin zu überschreiten, und diese Möglichkeit ist der Ort, in den das Verändernde eindringt, wenn sich die Textbeziehung herstellt. Wenn Frey die Notwendigkeit sieht, dem zwischen ein in an die Seite zu stellen, dann deshalb, weil die Beziehung nicht die simple Überbrückung eines metaphorischen Abstandes zwischen Texten ist, sondern ihre tatsächliche und wechselseitige Affektion. Freys Bezeichnung für diese Affektion, die als Widerpart zur „Festlegung“ fungiert, lautet „Veränderung“[2]. Neben buchstäblichen Formen der Bezugnahme wie etwa dem Zitat gibt es für ihn auch eine implizite Art, wenn nämlich

[…] der Text in der Beziehung zum anderen Text um eine Bedeutungsschicht angereichert wird: was er sagt, wird in der zwischentextlichen Beziehung auf diese hin auslegbar. (22)

Die Veränderlichkeit der Texte durch die zwischentextliche Beziehung folgt mithin dem Kriterium der Auslegbarkeit, also einer Art kohärenter Sinnproduktion, die Frey anschließend in der vergleichenden Analyse eines Shakespeare-Sonetts und dessen Übersetzung durch Celan vorführt (38–50). Derart ist der Mehrwert der Textbeziehung beschaffen: Im Miteinanderlesen der beiden Texte schafft sie etwas, das in keinem der beiden isoliert anzutreffen gewesen wäre, sondern lediglich durch und in der sie miteinander verknüpfenden Beziehung. Die produktive Durchdringung besteht also darin, den einen Text je als Linse für die Lektüre des anderen zu nehmen. In diesem Sinne werden sich die beiden Texte gegenseitig zum Prisma und suspendieren ihre Herkunft, die sie erst wiedererlangen, wenn das Miteinanderlesen ausgesetzt wird. Mit diesen Überlegungen zeichnet die Einleitung „Textbeziehung als Text“ vor, was Frey im weiteren Verlauf seiner Studie theoretisch und analytisch erarbeiten wird.

 

Übersetzung als Beziehung

Wird die Übersetzung mit dem Resultat des Übersetzens identifiziert, so ist sie in ihren Möglichkeiten, ihren Prozeduren und nicht zuletzt in ihrer Beurteilung den natürlichen Schranken seiner Logik ausgeliefert. Ein unübersetzbarer Ausdruck oder eine bestimmte syntaktische Konstruktion, Kulturspezifika oder Formen funktionaler Diglossie in der Ausgangssprache gehen dann, wie man zu sagen pflegt, in der Übersetzung „verloren“, das heißt, sie mögen sich zwar in irgendeiner Weise in Text umsetzen, erscheinen aber im Vergleich zum Original als defizient, weil sie dessen Effekte entweder gar nicht oder höchstens ‚äquivalent‘ wiedergeben. Die Übersetzung wird hier als das Ergebnis einer Wiederholung verstanden, als dessen absoluter Maßstab das Original fungiert.

Die Figur der Wiederholung verweist zudem auf eine sonderbare Metaphorik des Raums. Besonders im Deutschen, wo das Verb übersetzen, mit anderer Betonung, auch das Befördern an das gegenüberliegende Ufer bedeuten kann, ist die Vorstellung der Überfahrt außerordentlich beliebt.[3] Auch die französische Formulierung einer passage d’une langue à lʼautre enthält den Nebensinn der maritimen Überfahrt[4], dem das Verständnis eines ungekerbten, im Übersetzungsprozess zu durchquerenden Raumes zugrundeliegt. Die ebenfalls übliche Metapher der Brücke[5] bedient die Vorstellung des Rettenden und Passierenden explizit, und auch der Transfer verweist, als Bedingung seiner Möglichkeit, auf eine Homogenität des Raumes, durch die das Transferierte schrittweise gleiten könne. Es handelt sich also um eine traversée zwischen, wie es ja ebenfalls metaphorisch heißt, langue source und langue cible, einer Ausgangs– und einer Zielsprache, die als Anfang und Ende der Bewegung markiert werden. Mit diesem Imaginären einer Durchquerung des Zwischenraumes, der sich zwischen Sprachen auftue, aber überwunden werden könne, ergeben sich jedoch theoretische Schwierigkeiten, die mir nur schwer lösbar erscheinen. Wie etwa erklärt man den Hiatus, der sich in dieser Metaphorik notgedrungen zwischen der Entkleidung der Bedeutung in der Ausgangssprache und ihrer neuerlichen Einkleidung in der Zielsprache ergibt? Anders formuliert: Wie soll das Überbrücken des sprachlosen Limbus vor sich gehen, an dem nicht mehr Ausgangssprache, aber auch noch nicht Zielsprache ist?[6]

Mag es noch so evident erscheinen, die Übersetzung mit der Schreibszene zu identifizieren, aus der sie hervorgeht, so sehr hat man sie damit bereits in das Schicksal einer Nachrangigkeit verurteilt, aus der sie sich bei aller emphatischer Beschwörung ihrer Vorzüge und ihrer Funktion fortan nicht mehr befreien kann. Man hat sie in jene Position des Sekundären gedrängt, die seit Platon den Makel des Abgeleiteten trägt.[7] Geht man hingegen von Freys Überlegungen aus, so ist in der Übersetzung nicht unbedingt die Wiederkehr eines Originals in anderer Sprache zu erblicken, sondern eine Form systematischer Textbeziehung, die neben Texten, und zwar inkorporiert in ihnen, auch Sprachen miteinander verbindet. Was zunächst so unscheinbar klingt, gibt die Übersetzung tatsächlich völlig anders zu denken, weil die Isolation ihres eigenen Text-Seins als lediglich eine Seite einer umfassenderen Mechanik freigelegt wird. Als Beziehung verstanden, ist die Übersetzung zunächst einmal nichts anderes als ein bestimmtes Verhältnis von Texten und den sie konstituierenden Sprachen. Sie geben sich prinzipiell als ein Miteinander zu lesen, in dem die Herkunft der beiden Texte und ihre Entstehungsumstände suspendiert sind, sodass aus den Textkörpern nicht ersichtlich ist, welcher Text den Ausgangspunkt für den jeweils anderen abgab. Ihre Herkunft ist vielmehr nur noch als fernes Echo jenseits ihrer Beziehung vernehmbar, ein nunmehr textexternes Kriterium. Original und Übersetzung sind hier bereits in jene Gleichzeitigkeit und Gleichrangigkeit eingegangen, die der Beziehung eigen ist. Das Bestimmungsverhältnis, das in der Schreibszene des Übersetzens immer vom Original zur Übersetzung verläuft, ist in der Lektüre aufgehoben und lässt sich sogar umkehren. Gerade so, wie man die deutsche Übersetzung von Proust nach Maßgabe des französischen Originals lesen kann, lässt sich hier auch das französische Original nach Maßgabe der deutschen Übersetzung – oder, wenn man wollte, die französische Übersetzung nach Maßgabe des deutschen Originals – lesen. In der Textbeziehung erweist sich damit das Verhältnis von Original und Übersetzung als sehr viel dynamischer und komplizierter, insofern beide Begriffe einander wechselseitig voraussetzen. Das bedeutet aber nicht nur, dass eine Übersetzung ein Original als seinen praktischen Ausgangspunkt benötigt, sondern auch, dass ein Text erst durch die Übersetzung zu einem Original wird. Es ist der Akt des Übersetzens, der einen Proust in einen originalen Proust verwandelt, gerade in Opposition zu seinem übersetzten Pendant. Ebenso wie die Übersetzung entpuppt sich mithin auch das Original immer schon als eine Beziehung.

Fasst man die Übersetzung also nicht als verkleidetes und wiedergekehrtes Original auf, sondern denkt sie ausgehend von dem Verhältnis, das sie schließlich hergestellt haben wird, so müsste die naheliegende, sehr offene und nicht-normative Definition der übersetzerischen Schreibszene lauten: Das Übersetzen ist die Herstellung einer Textbeziehung und, inkorporiert in ihr, einer Sprachbeziehung. Nicht wiederholen, sondern in Gestalt eines Textes eine bestimmte sprachliche Beziehung kreieren. Nicht wiedergeben, sondern das Original in ein zunächst schreibendes und anschließend lesbares Verhältnis zu einem anderen Text stellen. Übersetzen würde somit nicht einmal mehr bedeuten, das Original, wie man heutzutage mit dem rewriting zu sagen pflegt, neu zu schreiben, weil der transitive Zugriff auf es, das Original, dessen zu wiederholende Identität bereits wiedereingeführt hätte. Vielmehr schreibt das Übersetzen an einer Art textuellen und sprachlichen Meiose, indem man ein Original in ähnliche, aber nicht identische Teile vermehrt. Übersetzen ist der Name für das Herstellen dieser textuellen Meiose, mit der man eine Mechanik reziproker Beziehung produziert, die in einem prinzipiellen Sinne besteht, auch wenn nicht jede Leserin über die sprachliche Kompetenz verfügt, sie zu lesen. Das transitive Objekt des Übersetzens ist nicht weder der Text noch das Original, sondern die sprachliche und textuelle Beziehung zu einem sich als Original konstituierenden Text.

Die Denkfigur der Beziehung antwortet auf eine selten gestellte Frage: Wie lässt sich von der Übersetzung eigentlich überhaupt sprechen? Ist sie schon damit hinreichend adressiert, dass man sie als den Text auffasst, in dem sie sich verkörpert? Wenn dem so wäre, bräuchte sie keinen eigenen Namen. Doch die Insistenz, mit der man eine Übersetzung als solche ausweist, verrät, dass sie nicht bloß irgendein Text ist. Sie besitzt vielmehr ein besonderes Merkmal, ein untrügliches Erkennungszeichen: Sie hat eine Vergangenheit. Fast wie ein Delinquent, dem man seinen biografischen Makel noch lange vorhält, ist auch die Übersetzung markiert. Wer ihren Namen nennt, verkündet ihre fragile, obskure Herkunft, ihren fragwürdigen Status. Sie trägt, im Gegensatz zu ihren Originalen, das Mal ihrer schweren Geburt. Die Beschwörung ihrer Vergangenheit verheißt ihr meist nichts Gutes, verbirgt sich dahinter doch allzu häufig der Wunsch, sie ihr zum Vorwurf zu machen. In einem viel umfassenderen und tieferen Sinne, als das für Originale zutrifft, sind Übersetzungen daher verletzlich. Sie können ihre Vergangenheit nicht, wie jene, in ein vortextuelles Dunkel hüllen und sich als voraussetzungslos gebärden.

Als Beziehung muss die Übersetzung ihre Herkunft nicht verleugnen. Sie ist ein Text, gewiss, und zwar in dem Maße, wie sie sich in seinem Körper zu lesen gibt, doch erschöpft sie sich nicht darin, da sie stillschweigend immer auf jenes Außen bezogen bleibt, das sie mit ihrer Anwesenheit in die Abwesenheit verbannte. Die systematische Unschärfe, die ihr eigen ist, verhindert vielmehr, dass man gleichzeitig alles an ihr wahrnehmen kann. Nimmt man sie als Text in den Blick, ist sie sofort immer noch mehr als dieser Text. Nicht umsonst hat sie sich der ordnenden Hand der Philosophie so lange verweigern können. Sie ist sich entziehende Beziehung, ich möchte beinahe riskieren zu sagen: plus d’un texte.


Literatur

Derrida, Jacques. Positions. Paris: Éditions de Minuit, 1972.

Frey, Hans-Jost. Der unendliche Text. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990.

Platon: Der Staat. Griechisch – Deutsch. Übers. von R. Rufener, Hg. T. Szlezák. Düsseldorf / Zürich: Artemis & Winkler, 2000.


[1] Die „Festlegung“ (oder alternativ auch die „Fixierung“) zieht sich leitmotivisch durch das gesamte einleitende Kapitel: „Zur Auffassung des Textes als Denkmal gehört die Festlegung […]“ (15); „Weil die Tendenz zur Fixierung […]“ (16); „Diese Mißachtung des Drangs zur Festlegung […]“ (16); „[…] damit die Festlegung erfolgen kann.“ (16); „Damit die Kontrolle darüber nicht entgleitet und er in der Festlegung beherrschbar bleibt.“ (16); „Das Festhalten an der Chronologie der Texte ist eine Form von deren Festlegung.“ (20).

[2] Vgl. beispielsweise: „Im Denkmal ist mit der Vergangenheit die Ablehnung der Veränderung festgelegt“ (15); „Diese Beziehungen sind Kontextbeziehungen, Konstellationen, in die der Text gerät, die sich verändern und in denen er sich verändert“ (17); „Diese Verschiebungen verändern den Text“ (18); „[…] welche die Geschichte der Veränderung ist, […]“ (19); „Dieser Veränderlichkeit der Texte ist Rechnung zu tragen […]“ (19); „Wenn die Veränderung des Kontextes einen Text verändert, so ist er gegen die Bezugnahme späterer Texte auf ihn nicht immun, sondern unterliegt seinerseits ihrem verändernden Einfluß“ (19 f.); „Die Texte dauern in der Veränderung“ (20); „Die Beziehung, in welche die Texte treten, ist das, was sie verändert“ (21); „Die Beziehung dringt als das Verändernde in die Texte ein“ (21).

[3] Man denke (exemplarisch) an die Übersetzerbarke, ein vom deutschen Berufsverband der Literatur- und Wissenschaftsübersetzer/innen (VdÜ) gestifteter Preis oder den Sächsischen Verein zur Förderung literarischer Übersetzung, der sich Die Fähre nennt und zur Erklärung seines Namens anfügt: „Warum nennt sich der Sächsische Verein zur Förderung literarischer Übersetzung e.V. DIE FÄHRE? Weil ihre Mannschaft – an die 30 Übersetzerinnen und Übersetzer – zwischen den Gestaden unterwegs ist, zwischen einer fremden und der eigenen Sprache.“

URL: https://faehre-sachsen.de/, 01.04.2020.

[4] Siehe unter 3. in: https://www.cnrtl.fr/lexicographie/passage (30.05.2020)

[5] Über mehrere Publikationen hinweg und mit etwas anderem Fokus kritisiert Myriam Suchet die Vorstellung der Übersetzung als „pont“. Siehe dazu: Sofo, Giuseppe. „Du pont au seuil: Un autre espace de la traduction“. TRANS- [Online] 24 (2019). Online seit 01.04.2019. URL: http://journals.openedition.org/trans/2335; DOI: 10.4000/trans.2335. Abgerufen am 26.08.2019.

[6] Ein Problem, auf das Derrida im Gespräch mit Julia Kristeva mit der Einführung eines sogenannten „signifié transcendental“ antwortet. Vgl. Derrida 30 f.

[7] 597c: Εἶεν, ἦν δ’ἐγώ τὸν τοῦ τρίτου ἄρα γεννήματος ἀπὸ τῆς φύσεως μιμητὴν καλεῖς;

  1. Übers. R. Rufener, überarbeitet von T. Szlezák: „Wem also, von der Natur der Sache aus gerechnet, die dritte Hervorbringung obliegt, den nennst du Nachahmer?“ (Platon 813).