« Bruno Latour in germanische Sprachen übersetzen:

Ein kleiner Überblick zu syntaktischen und semantischen Besonderheiten in ‚Face à Gaïa′ »

// aus dem Französischen von Inga Frohn

Das Übersetzen philosophischer, soziologischer und ähnlicher Werke erfordert zweifellos ein großes intellektuelles Kapital sowie umfassende und tiefgehende Fachkenntnisse, die bei Weitem nicht jedem gegeben sind, und doch weist diese Arbeit auch gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Übersetzen an sich und dem Literaturübersetzen auf. Ich möchte hier vor allem eine spezifische Schwierigkeit beim Übersetzen aus dem Französischen ins Niederländische darlegen, die uns in den vorliegenden acht Vorträgen Latours vor ständige Herausforderungen stellt, insbesondere hinsichtlich der Art und Weise, wie der Satz, die Ausdrucksmöglichkeiten in der jeweiligen Sprache gestaltet sind. Es existiert ein wesentlicher Unterschied zwischen den romanischen Sprachen aber auch dem Englischen einerseits, und dem Niederländischen und Deutschen andererseits. (Im weiteren Text spreche ich der Einfachheit halber vom Gegensatz Französisch – Niederländisch). Im Französischen – so auch in diesem Satz, den ich gerade formuliere – stehen Subjekt und Verb im Allgemeinen eher am Satzanfang, auch im Nebensatz, wodurch die Aussage sehr klar wird, da Subjekt und Verb ja das Herz des Satzes enthalten. Im Niederländischen gibt es dagegen viele Satzarten, in denen das Verb am Satzende steht. Vor allem in Nebensätzen wird das Verb oft ans Ende gestellt, oder wenigstens hinter das direkte oder indirekte Objekt. (Das bedeutet auch, je besser ein Autor die Kunst des klassischen, periodischen, ausdauernden Schreibens mit all seinen syntaktischen Möglichkeiten, die Feinheiten komplexer Gedankengänge auszudrücken, beherrscht, umso schwieriger wird es, in der niederländischen Übersetzung einen klaren Zieltext zu produzieren.) Eine der Lösungen, die sich dem Übersetzer anbieten, ist die Paraphrasierung des Verbs – denn wenn das Verb eine präpositionale Ergänzung verlangt, steht es vor der Ergänzung –, eine andere Lösung ist die Parataxe, die Beiordnung eines ursprünglich untergeordneten Satzes. Ein weiterer Unterschied zwischen dem Gebrauch der Verben im Niederländischen und im Französischen betrifft alle Fälle, in denen das Verb im conditionnel, futur, passé composé etc. steht: Im Niederländischen wird das Verb in diesen Fällen sozusagen im Satz verstreut (so wie es auf viel begrenztere Weise auch im Französischen geschieht). Das Hilfsverb wird, zumindest im Hauptsatz, in die Nähe des Subjekts an den Satzanfang gestellt, doch um genauere Angaben zu der betreffenden Handlung zu erhalten, muss der niederländische Leser oder Gesprächspartner (im Gegensatz zu seinem französischen Pendant) in den schlimmsten Fällen unendlich lang auf den Infinitiv warten, der erst am Satzende kommt. Es würde mich sehr interessieren, wie dieser spezifische sprachliche Unterschied sich im Laufe der Zeit herausgebildet hat; dieses Geheimnis wird wohl von einer äußerst seltenen und meines Wissens wenig beliebten Fachrichtung bewahrt, der historisch-vergleichenden Grammatik. Jedenfalls haben wir es hier mit einem grundsätzlichen Unterschied zu tun, der die Abstraktion im Französischen begünstigt, denn wenn das Subjekt und das Verb genannt sind, ist die Ausrichtung des Satzes in weiten Zügen ersichtlich, während wir im Niederländischen so direkt und schnell wie möglich genauere Angaben zu der Person machen müssen, die die Handlung verdichtet oder ausführt, um zu verstehen, wo wir uns befinden und wohin es geht. Im Niederländischen kommt der Person eine weitaus aktivere und richtungsweisendere Rolle im Satz zu, einem Dreh- und Angelpunkt gleich. Das Subjekt ist der Zeiger des Satzes. Die französische Sprache verfügt über weitere Eigenschaften, die das Darlegen und Nachvollziehen von Gedankenketten erleichtern und den Sprachfluss fördern, auf die ich hier jedoch nicht weiter eingehen werde. Fazit: Ein niederländischer Übersetzer kann den französischen Ausgangstext selten wörtlich übertragen, vielmehr muss er, unter Beibehaltung des Tons und der Stilebene, den Satz radikal umdenken; er muss sprachlich umdenken. Die Information muss mit den Eigenschaften der Zielsprache und im Respekt der Akzentsetzung des Ausgangstexts fein dosiert umverteilt werden.

Eine Eigenheit des Französischen, die unsere Aufmerksamkeit bei diesem Buch besonders fordert, ist der häufige Gebrauch des unpersönlichen Pronomens „on“, vor allem in der gesprochenen Sprache, derer Latour sich zur Wiedergabe seiner ursprünglich mündlichen Vorträge bedient. Die niederländische Übersetzung aus dem Wörterbuch wäre „men“, sprachgeschichtlich aus derselben Wortfamilie wie „man“ und „mens“ – ein formeller und recht veralteter Begriff im Niederländischen, der in dieser Art Text lieber vermieden werden sollte. Das „on“ im gesprochenen Französisch entspricht oft der Bedeutung von „wir“, doch Vorsicht ist geboten, Latour ist hier ein „Wissenschaftler auf dem Kriegspfad“ (Kampf um Gaia 58), wir sollten uns also hüten, ihn fälschlicherweise mit seinen Feinden gleichzusetzen.

Eine weitere sehr typische Konsequenz, die sich aus dem Gebrauch der französischen Alltagssprache ergibt, ist das häufige Auftreten emphatischer Umschreibungen nach dem Muster „c’est cela précisément qui pose problème“, oder die ausführlichere und zugegebenermaßen schriftsprachlichere Wendung „si j’ai voulu comparer brièvement ces trois exemples, c’est pour faire ressentir l’abîme qui sépare…“. Eine heikle Angelegenheit: Einerseits schätzt Latour diese Redeweise, die er sicherlich sehr spontan verwendet und die zudem sehr idiomatisch für die französische Sprache ist, andererseits macht Latour sie sich vielleicht nicht ohne Grund zu eigen, denn dieses Satzgefüge entwickelt eine spezielle rhetorische Kraft: Der als Hypothese dargestellte Sachverhalt („si j’ai voulu comparer“) ist in Wirklichkeit ein unleugbarer matter of fact, das Argument wird so noch verstärkt. Wir haben uns dafür entschieden, das Problem im jeweiligen Kontext zu lösen, im Gegensatz zu einer anderen sehr beliebten Wendung, „tout se passe comme si“, die wir jedes Mal gleich übersetzen.

Die Schwierigkeit in Bezug auf Beschaffenheit, Genauigkeit und Einheitlichkeit stellt sich selbstverständlich auch und vor allem auf terminologischer Ebene. Latour betreibt ein sehr kohärentes Konzeptsystem – gewählt, heterogen, nicht ohne Wortneuschöpfungen, und doch konsistent – eine sehr persönliche Mischung, deren Schlüsselbegriffe er generell kursiv schreibt. Bei der Übersetzung gilt es natürlich technisch korrekte, angemessene und verständliche Entsprechungen zu finden, darüber hinaus sollten aber weitere Fragen mitbedacht werden. Der Franzose Latour verwendet beispielsweise oft Wörter lateinischer Herkunft, die im Französischen recht geläufig und gewöhnlich sind. Im Niederländischen besteht die Möglichkeit, ebenfalls die lateinische Entsprechung zu wählen, doch das hat Konsequenzen. Eine solche Wahl „erhöht“ das Niveau des Textes, macht ihn gelehrter, denn in den meisten Fällen handelt es sich um Begriffe, für die es im Niederländischen gängigere Synonyme germanischer Herkunft gibt. Es besteht die Gefahr, sich im Vergleich zum Französischen weit von Latours leicht informellem Stil zu entfernen.

Ein lexikalisches Problem, das auch bei literarischen Autoren auftritt, die gerne Motive und deren Variationen verwenden, besteht darin, dass semantische Wortfelder sich von Sprache zu Sprache nicht genau überschneiden. Die Schwierigkeit wird noch größer, wenn Latour auf Cluster oder homonyme Wortgruppen zurückgreift (zum Beispiel „la Terre“, großgeschrieben, niederländisch „de Aarde“; „la terre“, kleingeschrieben, niederländisch „grond“; „les terres“ im Plural, niederländisch „land, gebied“ – hier tritt im Niederländischen eine Interferenz mit einer anderen Homonymie auf: „land“ im Sinne von „pays“ –; „le territoire“, auf Niederländisch glücklicherweise „het territorium“; und schließlich „la terreur“, niederländisch „schrik“, doch zum Glück auch „terreur“ – im Niederländischen ist das Cluster also nicht völlig identisch), oder wenn Latour beginnt, mit Wörtern zu spielen, nicht selten mit Schlüsselbegriffen. Im letzten Kapitel spricht der Autor beispielsweise von der „partie prenante“ im vertraglichen Sinne einer interessierten Partei, anschließend philosophiert er über den Bestandteil „part“ in „partie“, über den „acte de prendre“ der „partie prenante“ und über „tenir sa part“. Auf ähnliche Weise setzt er die Wörter „objet“, „objectif“ und „objecter“ in Beziehung; er denkt wahrhaftig in der Sprache und von ihr ausgehend. Das gesamte sechste Kapitel verhandelt „la fin du temps“ versus „le temps de la fin“; doch die wörtliche Übersetzung von „la fin du temps“, „het einde der tijden“ (vergl. „Zeitenende“) ist im Niederländischen, im theologischen Sinne, gleichbedeutend mit der wörtlichen Übersetzung von „le temps de la fin“, dem Kompositum „eindtijd“ (vergl. „Endzeit“). Zu guter Letzt wird das zentrale Bild des Titels „Face à Gaïa“ das gesamte Buch hindurch aufrechterhalten und dekliniert, vom persönlichen Ausgangsbild sozusagen, der rückwärts fliehenden Tänzerin, bis zu Formulierungen wie „devant Gaïa“, „faire face à Gaïa“, „cela nous regarde“, die immer wieder im Text auftauchen.

Bruno Latour besitzt also ein Feingefühl für Sprache, Wörter und Etymologie. Häufig bezieht er sich auf die meist griechische Herkunft der Wörter und natürlich auf die griechische Mythologie der Göttin Ge. Latour bedient sich beim Schreiben im großen Reservoir historischer Bilder. In seinem Werk existiert eine sehr besondere, fast schwindelerregende Verflechtung zwischen dem Globalen, einer allumfassenden Bildung (jeglicher Art und in jeder Fachrichtung: Wissenschaft, Philosophie, Literatur, säkulare Theologie, Film, Comic), und dem Alltäglichen, dem Hier und Jetzt, aus dem er ebenfalls wunderschöne Metaphern schöpft, wenn er beispielsweise unsere aktuelle Lage mit einem brennenden Haus vergleicht, dessen Bewohner wohl kaum auf dem Flur darüber diskutieren würden, ob die Feuerwehr zu 90 oder zu 95 Prozent Recht hat, uns vor den Flammen zu retten. Diese sehr konkrete Seite trägt dazu bei, die Dringlichkeit des Buchs begreiflich zu machen, sie verleiht den langen, verschlungenen Sätzen einen einzigartigen lebendigen und dynamischen Rhythmus und Schwung, und bringt zuweilen auch eine gewisse Hastigkeit im Ausdruck und in den Verweisen oder leicht unlogische Sprünge im Gebrauch von „autres“ und „ils“ zum Vorschein. Der gleiche Widerspruch, wenn ich es so nennen darf, entsteht zwischen einer Sprache, die die kleinen Absolutsetzungen des Alltags mit einer Fülle von „tout“, „toujours“, und „jamais“ nicht immer zu umgehen vermag, auch wenn sie durch zahlreiche Litotes und doppelte Verneinungen nuanciert werden, und auf der anderen Seite der sehr überzeugenden rhetorischen Kraft eines Fußnotenapparats, der mit Artikeln aus aller Welt und Werken aus allen Epochen vollgepackt ist und den soliden Unterbau eines scharfsichtigen Visionärs bezeugt.

Dieselbe Dringlichkeit, der Aktivismus eines handelnden Denkens, führt auch dazu, dass das Buch, das wir übersetzen, schon nicht mehr die letzte Fassung ist, und dass wir die letzte Überarbeitung auf der Grundlage der bald erscheinenden englischen Übersetzung vornehmen müssen, was eine sorgfältige Vergleichsarbeit voraussetzt. Es ist ein Glück, dass der Autor sehr viel Feingefühl für diese Frage mitbringt und uns seine wertvolle Zusammenarbeit zuteilwerden lässt.

In der Zwischenzeit nimmt der Zieltext Form an. Wir haben jeweils abwechselnd die erste Übersetzung der Kapitel vorgenommen und uns anschließend sorgfältig gegenseitig überarbeitet mit den entsprechenden Word-Funktionen und der Erstellung einer täglich länger und präziser werdenden Terminologieliste. Bei der verbleibenden Arbeit handelt es sich vor allem um den Endabgleich mit der englischen Fassung, das endgültige Festlegen und Vereinheitlichen der Terminologie, sowie Entscheidungen bezüglich der komplexen und sehr zentralen literarischen Wortspiele. Wir sehen nun der „Endzeit“ ins Auge.

Die niederländische Übersetzung Oog in oog met Gaia ist im November 2017
bei Octavo publicaties in Amsterdam erschienen.

Symposium Penser en langues – In Sprachen denken, Paris 2017


 

Zitierte Werke

Latour, Bruno. Face à Gaïa. Huit conférences sur le Nouveau Régime Climatique Paris: La Découverte, 2015. Übers. Catherine Porter. Cambridge: Polity Press, 2017. Übers. Bernd Schwibs und Achim Russer. Berlin: Suhrkamp, 2017. Übers. Ariel Dilon. Buenos Aires: Siglo Veintiuno, 2017. Übers. Rokus Hofstede und Katrien Vandenberghe. Amsterdam: Octavo Publicaties, 2017.