»Derrida übersetzen«

Wenn dieser Vortrag sich ums Übersetzen dreht, so ist Übersetzen hier in mehr als einem Sinne zu verstehen, wie sich zeigen wird. Ich möchte aber mit einer historischen Reminiszenz beginnen.[1] Die Studenten um Jacob Taubes am legendären Institut für Hermeneutik am Philosophischen Seminar der Freien Universität Berlin lasen Althusser, Derrida, Foucault, Lacan, Lévi-Strauss, Bachelard und Canguilhem in ihren studentischen Lesezirkeln in den späten 1960er Jahren. Hier muss ich in einem von Rodolphe Gasché geleiteten Arbeitskreis über Semiologie im Sommer 1969 erstmals mit Jacques Derridas im Herbst 1967 erschienenen Buch De la grammatologie in Kontakt gekommen sein, und im Sommer 1969 erlebte ich Derrida zum ersten Mal in einem Seminar, das er an Peter Szondis Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin präsentierte. Es fand sich dann bald auch ein deutscher Verlag, Metzler in Stuttgart, der sich für eine Übersetzung interessierte. Im Spätjahr 1969 begannen Hanns Zischler und ich gemeinsam mit der Übersetzung. Wir waren beide noch Studenten; Französisch war auf dem Gymnasium meine erste lebende Fremdsprache gewesen. Übersetzen war damals, so könnte man es vielleicht ausdrücken, so etwas wie eine Graswurzel-Bewegung unter den Berliner Studenten der Philosophie und der Sprachwissenschaften.

Die Übersetzung – zugegeben eine Herausforderung – brachte dann eine intensive Auseinandersetzung mit Derridas Denken. Was mich dabei am meisten faszinierte, war der Umstand, dass die Bewegung der Grammatologie als Text, als Textverlauf, noch einmal genau jene Bewegung des Überschießens durch Supplementierung vollzieht, die Derrida im zweiten Teil des Buches in einer dichten Lektüre aus Jean Jacques Rousseaus Versuch über den Ursprung der Sprachen herausgearbeitet hatte. Die Beziehung zwischen Sprache und Schrift ist der Gegenstand, an dem Derrida die Geste des Supplements festmachte und dabei die Pole umkehrte: Die Schrift wird zum „gefährlichen“ Supplement der gesprochenen Sprache in dem Sinne, dass das Substitut Wirkungen erzeugt, die nicht länger dem Medium gehorchen, für das es einzustehen bestimmt ist. Sie sind am Ende bedingt durch und ergeben sich aus der dem Supplement selbst eigentümlichen Materialität und den mit ihm gegebenen Möglichkeiten. Die anhaltende Spannung, die aus einer derartigen heterokliten Ersetzungsbewegung resultiert, gerade indem sie dem Spiel der Ersetzung folgt, führt in den Bereich des Unvorwegnehmbaren. Ich erahnte und sah darin – damals wie heute – die Möglichkeit einer Philosophie jenseits – vielleicht besser: diesseits – von Metaphysik und dem Zwang totalisierender und homogener Systeme, aber dennoch unter rigorosen Vorzeichen: eine Art Zelebration der Überraschbarkeit des Denkens.

Doch lassen Sie mich an dieser Stelle zunächst ein paar Worte über meine Erfahrung mit dem Übersetzen des Textes von Derrida sagen und darüber, wie diese Erfahrung – so wie ich es sehe – mit seinem eigenen Anliegen zusammenhängt. Die Herausforderung, der Angelpunkt, ist und bleibt die prekäre Bewegung des Supplements. Am Ende ist es so, dass der Fluss der Sätze – also die grammatische Logik, wenn man so will – in der Grammatologie Derridas Anspruch aufnimmt, Risslinien in die Textur der abendländischen Metaphysik zu ziehen und damit das Feld auf eine Weise abzustecken, die nicht einfach den traditionellen begrifflichen Rahmen mit seinen Dichotomien wie Anwesenheit und Abwesenheit, Ursprung und Ende, Natur und Kultur zu ersetzen beansprucht, sondern sie von innen her aufbricht. Das Spiel ist also nicht das einer scharfen Negation im traditionellen dialektischen Sinn mit anschließender Aufhebung, sondern der Bewegung im Sinne einer subkritischen Differenz. Der Versuch, diese Differenz zu denken, das wird einem beim Übersetzen besonders klar, reicht bis in die Feinstruktur der Sätze der Grammatologie hinein. Und wie wohl jeder zugeben wird, der sie gelesen hat, ist die Form ihrer differentiellen Bewegung eine Herausforderung an die Leser. In der Anstrengung des Übersetzens macht sie sich dann als Widerstand bemerkbar, stellt sich dem Verstehen als Hindernis entgegen, über das nicht einfach hinweggegangen werden, das vielmehr nur umgangen werden kann, das also, mit einem Wort, zu Umwegen zwingt.

Man wird hier an Gaston Bachelards „epistemologisches Hindernis“ erinnert (Bachelard. La Formation de l’esprit scientifique): Auch dieses ist der Bewegung der Hervorbringung wissenschaftlichen Wissens inhärent, mit der sich Bachelard auseinandersetzt. Sein Begriff des epistemologischen Hindernisses referiert auf eine Art Nachträglichkeit der Klärung, die er als geradezu konstitutiv für den empirischen Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung ansieht, die ihn verlangsamt und durch ihre unausweichliche Turbidität zugleich das Begehren anfacht, mit dem Suchprozess fortzufahren. Wenn man Derridas Text liest als einen Prozess der Erzeugung von Signifikantenketten, die ihre Auswüchse und Verzweigungen durch den Akt des Schreibens selbst erst erfahren, als ein empirio-grammatisches Experimentalsystem, wie ich es nennen möchte, dann ist das grammatologische Hindernis ebenso wie das epistemologische Hindernis eines, das im Zentrum der Bewegung der Exploration überhaupt steht, einer Exploration durch Schreiben im Falle Derridas. Es läuft zugleich voraus und hinkt hinterher, mit all den möglichen Verknotungen, die solche Gegenläufigkeit mit sich bringt. Die Übersetzung muss sich diesem Prinzip beugen, will sie dem Text gerecht werden. Sie wird dann selbst zu einer versuchsweisen Exploration, bei der Klarheit sich immer erst nachträglich einstellt. So ist dann auch der Vorgang der Übersetzung geprägt durch und getränkt von dieser konstitutiven Nachträglichkeit, differentiell geprägt und gefärbt durch den Gradienten, der sich von der ersten bis zur letzten Seite aufbaut. Es stellt sich so etwas wie eine stumme Erfahrung ein, die sich im Prozess der Ansammlung des Wissens um und des Vertrautwerdens mit Textgesten einstellt, die zu keinem Zeitpunkt definitiv und für immer festgehalten werden kann, und die jedesmal in einem neuen Licht erscheint, wenn wieder eine Entscheidung getroffen wurde.

Die Herausforderungen, die das im Detail mit sich bringt, können ganz gut am Beispiel eines der Neologismen Derridas aufgezeigt werden, in dem sich die Geste der Grammatologie kondensiert und fokussiert. Es ist der Begriff der différance. Wie könnte man dieses Wort ins Deutsche übersetzen? Das ist kein minderes Problem, denn es enthält, komprimiert zu einem kleinen, aber signifikanten Wortspiel, die zentrale Botschaft der Grammatologie, das heißt, die Bedeutung, die das Aufschreiben – und damit auch die Möglichkeit des Abgelöst-Werdens vom gelebten Augenblick der Präsenz – für die Geschichte der abendländischen Philosophie, der europäischen Wissenschaften und all der Spuren gehabt hat, die Graphismen vielfältiger Art in der historischen Sedimentierung unseres Wissens hinterlassen haben. Derrida bezieht sich hier nicht zuletzt auf einige Bemerkungen, die sich in dem späten Textfragment von Edmund Husserl über den Ursprung der Geometrie finden (Husserl. „Der Ursprung der Geometrie als intentionalhistorisches Problem“). In dieser späten Schrift betont Husserl, dass die Bedingung der Möglichkeit für die Entwicklung der Geometrie im Besonderen und damit der Wissenschaften insgesamt in dem Umstand liegt, dass die mündliche Tradition durch eine geschriebene Tradition überlagert und transzendiert wurde, und dass diese Entwicklung nicht verstanden werden kann, ohne die besonderen Sedimentationsvorgänge ins Auge zu fassen, die damit möglich wurden – eine Sedimentation von Spuren im Sinne einer Ablagerung, einer Aufbewahrung ebenso wie dem einer Überschichtung. In einem 1999 veröffentlichten Interview erinnert sich Derrida: „Husserl sagte, dass nur die Schrift diesen idealen Objekten [der Geometrie] den Charakter ihrer Idealität verleihen konnte, denn sie allein ermöglichte es ihnen, wie man sagen kann, in die Geschichte einzutreten. Ihre Historizität überhaupt hing von der Schrift ab.“ (Derrida. Sur parole 21) Und wir können hinzufügen: auch die besondere Art der Materialität dieser Idealitäten. Nun liegt der Kniff von Derridas Wortschöpfung darin beschlossen, dass im Unterschied zu den geschriebenen Vokalen – von e zu a -, die ihm zugrunde liegen, die Differenz zwischen beiden im französisch gesprochenen Wort so gut wie nicht hörbar ist; deutlich zu erkennen gibt sie sich nur in geschriebener Form. Sobald man sie ausspricht, droht sie zu verschwinden, verbirgt sie sich. Für dieses subtile Spiel mit Vokalen, das in exemplarischer Form die subversive differenzierende Macht der Schrift als Spur darstellt, gibt es schwerlich ein kongeniales Äquivalent im Deutschen. Und so kommt der Supplementierungsprozess der Übersetzung unabweisbar in Bewegung und manifestiert sich zugleich als Überschuss und als Verlust. Nach langer Überlegung optierten wir damals für „*Differenz“ (Differenz mit vorgestelltem Sternchen) – zugegebenermaßen keine brillante Lösung. Sie hat jedoch den Vorzug, dass sie das Verstummen in der Aussprache ebenso erhält wie die graphische Differenz – wenn auch nur über den Umweg eines zusätzlichen diakritischen Zeichens, das aber weder im Sprachfluss gesprochen noch im Lesefluss gelesen wird. Eine zeitlang hatten wir mit dem Wortspiel der „Bewägung“ (Bewegung/Bewägung) geliebäugelt, wagten es dann aber doch nicht, unserem übersetzerischen Übermut nachzugeben.

Noch etwas sollte hier wenigstens am Rande erwähnt werden. Das ebenso ein- wie umwickelnde Sich-Einlassen auf einen Text, den eine Übersetzung erfordert, kann dazu führen, dass auch die abgesunkene Polysemie von Alltagsworten in einer Weise aufzublitzen beginnt, die neue Facetten zu dem hinzufügt, was man die hergebrachte oder „lexikalische“ Bedeutung eines Wortes nennen kann; semantische Effekte also, die eben gerade nicht vom Begriff und seiner Referenz abhängen, sondern vielmehr vom Spiel mit den buchstäblichen Qualitäten eines Wortes, von der Literalität als solcher. Ein Beispiel: Der Begriff der réserve spielt in Derridas Grammatologie eine zentrale Rolle. Er ist mit dem Begriff der différance verbunden, indem er sowohl für den mit dieser konnotierten Verzug in der temporalen Dimension als auch für die Zurückhaltung der Spur in der räumlichen Dimension des Konzeptes steht. Auf einem Blatt Papier, das sich aus der Zeit der Übersetzung in meinen Unterlagen erhalten hat, habe ich folgende Wortserie gefunden, die einen Eindruck von dem Spiel der Literation gibt, wie man es nennen könnte – zugleich ein Spiel der Iteration: „Reserve – Verhalt, Vorbehalt, Vor-Halt, Ver-Wahrung, Verhaltenheit, Gewähr (durchgestrichen), Hut, Gehege“. Entlang einer solchen Wortkette kommt es dann oft zu ganz unerwarteten Wendungen. Das Spiel mit diesen Nuancen und ihren subtilen metaphorischen und metonymischen Verschiebungen ist allerdings immer in Gefahr, zu einer Obsession zu werden. Aber andereseits ist ja die Grammatologie selbst nicht zuletzt das Produkt einer solchen literalen Besessenheit. Derrida bediente sich ihrer erstmals im Zusammenhang mit seiner Interpretation von Husserls Begriff des „Zeichens“, nachzulesen in Die Stimme und das Phänomen. Und bekanntlich begann Derrida seine öffentliche philosophische Karriere selbst als Übersetzer Husserls. Er übertrug und annotierte dessen bereits erwähntes, zunächst unbetiteltes und posthum veröffentlichtes Fragment über den Ursprung der Geometrie und edierte es 1962 mit einer langen Einleitung als sein erstes Buch (Husserl. L’Origine de la géométrie). Es mag sich aufs Erste merkwürdig anhören, aber es ist wohl nicht ganz unberechtigt, wenn man Derridas Denken-als-Schreiben und Schreiben-als-Denken überhaupt als ein Übersetzungsverfahren liest, als die unerschöpfliche Chronik eines ununterbrochenen Translationsprozesses, der seinen Ausgang von der historischen Wende nahm, die Husserls Phänomenologie in diesem Fragment erfuhr, das sein Schüler Eugen Fink 1939 erstmals publizierte. In einer Diskussionsrunde mit Derrida ging Rodolphe Gasché einmal so weit, zu fragen: „Ist nicht Übersetzung der Operator der différance, indem sie das, was sie ermöglicht, zugleich aufschiebt und verschiebt?“ Und dann verwies er auf das, was er den „asemischen Kern“ der Sprache nennt, eben das, was sich immer wieder dem Griff des Bedeutens entzieht und damit den Prozess der Übersetzung als einer permantenten zeitlichen wie örtlichen Versetzung im Gang hält (Mc Donald 113–114).

Nachdem wir die Übersetzung der Grammatologie fertiggestellt hatten, widmete ich mich dann erst einmal anderen Dingen, zunächst Louis Althussers strukturaler Theorie der Erkenntnisproduktion, danach den Wissenschaften selbst. Als die Übersetzung 1974 schließlich im Suhrkamp Verlag erschien, hatte ich mich bereits den Naturwissenschaften zugewandt und war auf dem Weg, Molekularbiologe zu werden – und die nächsten eineinhalb Jahrzehnte im Labor zu verbringen. Erst zu Beginn der 1990er Jahre, nach langjähriger Immersion in die Biowissenschaften und in die experimentelle molekulare Genetik, während der die philosophische Reflexion dem – wie man mit Denis de Rougemont sagen könnte – Denken mit den Händen Platz machte (Rougement. Penser avec les mains), kam ich wieder auf meine frühere Erfahrung mit der Lektüre und Übersetzung Derridas zurück. Nun fand ich in ihr erhebliche Resonanzen mit dem Experimentierprozess und eine Ressource für meinen Versuch, eine Epistemologie und Geschichte des Experimentierens auszuarbeiten.

Damit begann ein weiteres, ganz anders geartetes Übersetzungsabenteuer: das Denken Derridas in die historischen Wissenschaftsstudien einzuführen. Nun ist es ganz offensichtlich, dass die Naturwissenschaften in Derridas nach-Husserl’scher Zeit als ein Fokus der Auseinandersetzung so gut wie nicht vorkommen. Und doch, glaube ich, muss seine Arbeit im Hinblick auf die Wissenschaften in einem weiteren Horizont verortet werden. Er selbst bekannte in einem Interview der späten 1990er Jahre:

Zu Beginn der 1950er Jahre, nach der Einführung der Phänomenologie durch Sartre und Merleau-Ponty [in Frankreich], sah ich die Notwendigkeit, die Frage nach der Wissenschaft, der Epistemologie zu stellen, etwas, das weder Sartre noch Merleau-Ponty in diesem Sinne getan hatten. Folglich habe ich meine ersten Essays über Husserl geschrieben und sie an der Frage nach der wissenschaftlichen Objektivität und der Mathematik ausgerichtet: Cavaillès, Tran-Duc-Thao, und auch die Frage des Marxismus. (Derrida. Sur parole 20)

Und in der Tat ist es der Operationsmodus der späten, kritischen Husserl’schen Phänomenologie, der uns ein Mittel an die Hand gibt, zu verstehen, worauf Derrida damals hinaus wollte. „Husserl“, so Derrida weiter, „ist für mich derjenige, der mich eine Technik, eine Methode, eine Disziplin lehrte, die ich nie wieder vergessen habe“ (84) – Disziplin ist hier zu verstehen im Sinne von Rigorosität. Mit seinen phänomenologischen Spätschriften öffnete Husserl den Raum für eine Epistemologie, die sich in einer universalhistorischen Perspektive, zwischen Welt und Ich, verortet. „Die Operation, derer es bedarf, um die Haut der Erscheinung freizulegen“, so Derrida wiederum in einem späten Interview, „und sie zugleich von der Realität des Dings und von der psychologischen Textur meiner Erfahung zu unterscheiden, ist äußerst heikel. Es ist der Rekurs auf Bedeutung, nackt, wild, verlangend nach einer großen Delikatheit in der Bekehrung des Blicks.“ (76)

Damit stellte sich Derrida in eine Traditionslinie französischen Denkens, die darum bemüht war, sowohl einen unverblümten Positivismus als auch eine psychologisierende Erfahrungslehre zu vermeiden, eine Tradition, die inzwischen unter dem Begriff der historischen Epistemologie bekannt geworden ist und deren Exponenten von Abel Rey und Léon Brunschvicg über Gaston Bachelard, Jean Cavaillès, Georges Canguilhem bis zu Michel Foucault reichen (vgl. Hyder). Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, dass Derrida zwischen 1960 und 1964 unter anderem als Assistent bei Suzanne Bachelard, der Husserl-Kennerin und Tochter Gaston Bachelards, sowie bei Georges Canguilehm an der Sorbonne war (Bennington und Derrida 303). Um es mit den Worten aus Sur la logique et la théorie de la science, einem kurzen, nachgelassenen Text von Jean Cavaillès zu sagen: Für Derrida war die Frage, wie jene „permanente Revision von Inhalten, durch Vertiefung ebenso wie durch Ausstreichung“ (78) zu denken war, die den Lauf der Wissenschaften auszeichnete.

So hoffte Derrida, Cavaillès folgend und von Husserls Bemerkungen zum Ursprung der Geometrie ausgehend, sich in die Lage zu versetzen, „auf der einen Seite einen neuen Typus oder eine neue Tiefe der Historizität, und auf der anderen Seite, damit korrelierend, die Instrumente und die Ausrichtung einer originären Form historischer Reflexion herauszuarbeiten“ (Husserl. L’Origine de la géométrie 4). Mit Husserl stellte Derrida heraus, dass „die Historizität der idealen Objektitäten [der Mathematik]“ – Derrida übersetzt, mit einer vielsagenden Verschiebung, Husserls Begriff der „Objektivität“ als „Objektität“ –, das heißt, „ihr Ursprung und ihre Tradition – in dem zweideutigen Sinne dieses Wortes, das zugleich die Bewegung einer Weitergabe und das Andauern eines Erbes beinhaltet –, dass sie also ungewöhnlichen Regeln gehorchen: Diese Regeln sind weder die der faktischen Verkettung der empirischen Geschichte, noch die einer idealen und [letztlich] a-historischen Anreicherung. Die Geburt und die Entwicklung der Wissenschaft muss also einer bislang unerhörten historischen Intuition zugänglich gemacht werden“ (4–5). Und an einer anderen Stelle seiner ausführlichen Einleitung zum Ursprung der Geometrie fügte er schonungslos hinzu: „Wenn man zugibt, dass eine rein empirische Geschichte philosophischer Nonsens ist und ein a-historischer Rationalismus sich als impotent erweist, mag man das Schwerwiegende dessen ermessen, was hier auf dem Spiel steht.“ (37)

Im Ursprung der Geometrie gibt es kurze Passagen zum historischen Auftauchen und der Dazwischenkunft der Schrift: „Es ist die wichtige Funktion des schriftlichen, des dokumentierenden sprachlichen Ausdrucks, dass er Mitteilungen ohne unmittelbare oder mittelbare persönliche Ansprache ermöglicht, sozusagen virtuell gewordene Mitteilung ist.“ („Der Ursprung der Geometrie als intentionalhistorisches Problem“ 371) Derrida insistierte auf dieser Bemerkung Husserls über die Rolle der Schrift und hat damit die späten philosophischen Überlegungen Husserls noch einmal einer viel exoterischer orientierten historischen Epistemologie zugänglich gemacht, als dieser sie je ins Auge gefasst hatte. Für Derrida war es vor allem die Technologie des Schreibens, deren Potenzial er zu reflektieren und zugleich auszuschöpfen suchte. Die Wissenschaftsgeschichte und die Wissenschaftsstudien der letzten Jahrzehnte haben diesen Raum mit all den verschiedenen Medien und Einschreibe-Vorrichtungen bevölkert, die für die modernen empirischen Wissenschaften charakteristisch sind, sowie den „Phänomenotechniken“ – um einen Ausdruck Bachelards zu benutzen (Bachelard. „Noumène et microphysique“ 19) –,die mit ihnen verbunden sind.

Die Form der Historizität, mit der er die empirische Geschichte konfrontierte, bedachte Derrida in seiner Grammatologie mit einem weiteren Neologismus, dem Begriff der „Historialität“ – „vorläufig“, wie er betonte (Grammatologie 44 sq.). Er steht für den Versuch, historische Entwicklung in einem offenen Horizont von unvorwegnehmbarer Bedeutung zu denken, eine Art von historischer Kohäsion zu denken, die weder einfach chronologisch noch auch teleologisch ist. Historiales Denken bezieht sich auf eine Rekurrenz, die der „Rückfrage“ (Husserl) selbst innewohnt. Die Rückfrage – der Inbegriff des Historischen – wird somit zur Iteration. Aber das ist nicht alles. Aus historialer Perspektive ist für die Wissenschaftsgeschichte auch davon auszugehen, dass Rekurrenz in die temporale Struktur der Systeme empirischer Forschung eingebaut ist und damit in die Produktion der Technophänomene der Wissenschaft und ihrer phänomenotechnischen Spuren. Derrida zufolge ist die „Spur […] nicht nur das Verschwinden des Ursprungs, sondern besagt hier – innerhalb des Diskurses, den wir einhalten, und des Parcours, dem wir folgen – dass der Ursprung nicht einmal verschwunden ist, dass er immer nur über den Rückweg durch einen Nicht-Ursprung sich konstituiert hat, eben die Spur, die damit zum Ursprung des Ursprungs wird“ (107–108, Übersetzung leicht verändert).

Jedenfalls schien mir die Figur der différence/différance, der produktiven Differenz, der überraschenden, weil sinnerzeugenden Verschiebung, der Generierung des Unvorwegnehmbaren durch Verrückung, dieses organisierende Zentrum in den frühen Schriften Derridas, ein Schlüssel zu sein für das Verständnis des experimentellen Forschungsprozesses als einem Prozess der Spurenerzeugung. In der Tat geht es im Forschungsexperiment weniger um die Bestätigung von Hypothesen, sondern vielmehr darum, das Unvorwegnehmbare sich ereignen zu lassen, darum, auf der Grenze zwischen dem Wissen und dem Nichtwissen, zwischen Zufall und Notwendigkeit jene Befunde zu ermöglichen, die sich nicht einfach aus dem ableiten lassen, was jeweils gegeben ist. Das Neue ist per definitionem das, was man nicht wissen konnte, weil es sich nur als Ereignis zutragen kann. Aber um es herbeizuführen, ist ein Einsatz nötig. Es geschieht nicht einfach. Es erfordert die Anstrengung aller Kräfte.

So viel musste gesagt werden, um deutlich zu machen, wie sich hier das Übersetzen verknotet. Derrida entwickelt seinen Begriff genuin historischer Bewegung in und an der Übersetzung eines Textes von Husserl. Meine eigene Übersetzung Derridas hat schließlich eine weitere Übersetzung erfahren. In Experimentalsysteme und epistemische Dinge, dem Ergebnis meines eigenen Beitrags zu einer historischen Epistemologie des Experiments, unternehme ich eben diesen Versuch, Derridas Denkbewegung tief in die zeitgenössische Wissenschaftsgeschichte zu übersetzen. Aber dieses Buch verdankt seine Existenz auch noch einer weiteren Form von permanenter Übersetzung. Es ist nämlich schwer zu entscheiden, in welcher Sprache der Text geschrieben wurde. Erste Fragmente dazu entstanden auf Englisch anlässlich eines Forschungsaufenthaltes an der Stanford University im Winter 1989–1990. Die Skizze einiger Grundgedanken habe ich dann in mehreren Vorträgen auf Deutsch formuliert und 1992 unter dem Titel Experiment, Differenz, Schrift veröffentlicht. Parallel dazu arbeitete ich an einer größeren englischen Monographie weiter, in die wiederum zunächst auf Deutsch geschriebene Textteile eingearbeitet wurden, und die 1997 unter dem Titel Toward a History of Epistemic Things erschien. Experimentalsysteme und epistemische Dinge schließlich ist eine im Anschluss daran entstandene deutsche Version dieses englischen Textes. So hat das Buch einen Ursprung, der von Anfang an, um mit Derrida zu sprechen, kontaminiert und durchgestrichen ist. Die Arbeit entstand in einer Auseinandersetzung zwischen zwei Sprachen, und zwar in einem doppelten Sinn: zum einen zwischen Englisch und Deutsch, zum anderen zwischen der Sprache der französischen Epistemologie und der Sprache eines Experimentalsystems, dessen Geschichte es erzählt. In beiden Hinsichten lässt sich nicht länger von Übersetzung in einem einfachen, linearen Sinne sprechen. Was stattdessen stattfindet, ist eine andauernde und proliferierende Erkundung von Säglichkeiten – um einmal einen eigenen Neologismus einzuführen –, von Sinnerzeugung in den Interstizien zwischen den Sprachen. Denn was man in der einen hören und sehen kann, entzieht sich in der anderen. Und so muss es jeweils neu erfunden, verlegt und verlagert werden. Einzelne Worte, die das Gewicht einer ganzen epistemischen Botschaft tragen, können sich selbst als unübersetzbar erweisen. So ist etwa das englische „unprecedented“ nur ein ärmlicher Ersatz für das deutsche Unvorwegnehmbare in seiner ganzen negativen Protentionalität.

Eine Anekdote sei hier noch angefügt. 1992 jährte sich das Erscheinen von De la grammatologie zum fünfundzwanzigsten Mal. Hanns Zischler und ich sahen dies als einen Anlass, unsere damalige Übersetzung zu revidieren. Der Reiz des Unternehmens, so fanden wir, würde weniger in der Beseitigung von offensichtlichen Mängeln bestehen als vielmehr in der Vorstellung des Abenteuers, das es bedeuten würde, die aus der Fülle der Lösungsmöglichkeiten festgeschriebenen Varianten erneut zu besichtigen und mitunter umzuschreiben. Das Übersetzen lebt aus einer eigentümlichen Produktivitätsbedingung. Es gibt die eine unhintergehbare Vorlage, aber es gibt keine ebenso unhintergehbare Transkription. Wir schrieben also an den Suhrkamp Verlag, erhielten aber keine Antwort. So ist es bei der alten Übersetzung geblieben. Die Episode zeigt, dass das Übersetzen von den Verlagen in der Regel eben nicht als eine Arbeit betrachtet wird, die so unabgeschlossen und unabschließbar ist wie im Grunde genommen jede andere wissenschaftliche Tätigkeit.

Im Frühjahr 2004 war ich zu einem kurzen Forschungsaufenthalt in Paris. Auf dem Boulevard St. Michel sah ich in einem der Kioske die neuste Ausgabe des Magazine littéraire. Sein Dossier war Jacques Derrida gewidmet. Befragt wurde er von Aliette Armel. Seine Bemerkungen wiesen zurück und nahmen zugleich das Motiv aus einem Interview von 1991 in der gleichen Zeitschrift wieder auf. Nun sprach er jedoch nicht mehr nur aus der Perspektive des Ereignisses, des Geschehenmachens, sondern aus der Perspektive der Entscheidung. „Wenn man nur das tut, was man beherrscht,“ sagte er da, im Sinne dessen, „was man kontrollieren kann, dann entfaltet man nur schon bestehende Möglichkeiten, man entwickelt ein Programm. Etwas zu tun übersteigt aber, was man machen kann. Um zu entscheiden, muss man durch die Unmöglichkeit einer Entscheidung hindurchgehen. Wenn ich weiß, was ich zu entscheiden habe, brauche ich keine Verantwortung zu übernehmen. Und das gilt für die Erfahrung überhaupt. Damit etwas – oder jemand – passiert, ist es notwendig, dass dieses Etwas oder dieser Jemand absolut unvorwegnehmbar (inanticipable) ist. Ein Ereignis ist nur möglich als eine Unmöglichkeit, jenseits des ‚ich kann‘.“ („Du mot à la vie…“ 28) Die Entscheidung eines Dreiundzwanzigjährigen im Jahre 1969, sich auf die Übersetzung der Grammatologie einzulassen, war gewiss eine „Unmöglichkeit“ in diesem von Derrida beschriebenen Sinne. Sie leitete ein „Abenteuer“ ein, wie es Jean Cavaillès einmal mit Blick auf die Wissenschaften formulierte, „das man nur willkürlich anhalten kann und das in jedem Augenblick von radikaler Neuheit begleitet wird“[2] (Cavaillès und Lautmann. „La pensée mathématique“).  Das Geheimnis dieses Abenteuers ist, so noch einmal Derrida, die „Verschiebung in der Wiederholung“ (Sur parole 9 und 54).

Symposium Penser en langues – In Sprachen denken, Paris 2016


 

Zitierte Werke

Bachelard, Gaston. La Formation de l’esprit scientifique. Paris: Vrin, 1938.

Bachelard, Gaston. „Noumène et microphysique“ (1931-1932). Ders. Études. Paris: Vrin, 1970: 11–24.

Bennington, Geoffrey und Jacques Derrida. Jacques Derrida. Paris: Le Seuil, 1991.

Cavaillès, Jean. Sur la logique et la théorie de la science. Paris: Presses Universitaires de France, 1947.

Cavaillès, Jean und Albert Lautman. „La pensée mathématique (séance du 4 février 1939)“. Bulletin de la Société française de philosophie 1945. 40:1. https://s3.archive-host.com/membres/up/784571560/GrandesConfPhiloSciences/philosc07_cavailles_lautman1939.pdf. Zuletzt abgerufen am 24.03.2018.

Derrida, Jacques. De la grammatologie. Paris: Éditions de Minuit, 1967.

Derrida, Jacques. Grammatologie. Übers. Hans-Jörg Rheinberger, Hanns Zischler. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1974.

Derrida, Jacques. Die Stimme und das Phänomen: Einführung in das Problem des Zeichens in der Phänomenologie Husserls. Übers. Hans-Dieter Gondek. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2003.

Derrida, Jacques. Sur parole. Paris: Éditions de l’Aube, 1999.

„Du mot à la vie: un dialogue entre Jacques Derrida et Hélène Cixous“. Aufgezeichnet von Aliette Armel. Magazine littéraire (April 2004): 22–29.

Husserl, Edmund. L’Origine de la géométrie. Übers. und Einl. Jacques Derrida. Paris: Presses Universitaires de France, 1962.

Husserl, Edmund. „Der Ursprung der Geometrie als intentional-historisches Problem“. Hg. Eugen Fink. Revue Internationale de Philosophie 1:2 (1939): 207–225.

Husserl, Edmund. „Der Ursprung der Geometrie als intentionalhistorisches Problem“. Ders. Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Husserliana Bd. 6. Den Haag: Martinus Nijhoff, 1976: 365–386.

Hyder, David. „Foucault, Cavaillès, and Husserl on the historical epistemology of the sciences“. Perspectives on Science 11 (2003): 107–129.

Lévesque, Claude und Christie MacDonald. Hg. L’Oreille de l’autre: otobiographies, transferts, traductions. Textes et débats avec Jacques Derrida. Montreal: vlb éditeur, 1982.

McDonald, Christie. Hg. The Ear of the Other. Texts and Discussions with Jacques Derrida. Lincoln und London: University of Nebraska Press, 1988.

Rheinberger, Hans-Jörg. „Derrida übersetzen“. Hoffmann, Christoph und Caroline Welsh, Hg. Umwege des Lesens. Aus dem Labor philologischer Neugierde. Berlin: Parerga Verlag, 2006: 317–323.

Rheinberger, Hans-Jörg. Experiment, Differenz, Schrift. Marburg: Basilisken Presse, 1992.

Rheinberger, Hans-Jörg. Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas. Göttingen: Wallstein Verlag, 2001.

Rheinberger, Hans-Jörg. Toward a History of Epistemic Things. Synthesizing Proteins in the Test Tube. Stanford: Stanford University Press, 1997.

Rougemont de, Denis. Penser avec les mains. Paris: Albin Michel, 1936.


[1] Für eine erste Fassung des Textes vgl. Rheinberger. „Derrida übersetzen“.

[2] »Le mathématicien est embarqué dans une aventure qu’il ne peut arrêter qu’arbitrairement et dont chaque instant lui procure une nouveauté radicale.«